Dr. Hiltrud Straßer zum Hufschutz – Das Barhuf-Laufen ist auf dem Vormarsch

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Hiltrud Strasser inmitten ihrer Absolventinnen eines Ausbildunskurses für Hufpfleger. Riga 2009, © Hiltrud Strasser, Foto: Natalija Aleksandrova

Frankfurt am Main, Deutschland (Weltexpress). Seit Pferde im dicht besiedelten Europa gehalten werden, hat sich nichts an deren Situation geändert: der Boden ist in der Regel zu weich, als dass sein Gegendruck Hufmechanismus auslösen könnte, die von Natur aus notwendige Bewegung ist stark eingeschränkt oder es fehlt Anreiz zur Bewegung, tägliches Wasser für das Hufhorn fehlt, die Ernährung entspricht nicht in vollem Umfang den Bedürfnissen der Pferde und die Hufkorrekturen zum Kürzen des nachgewachsenen Hornes erfolgt häufig ohne Kenntnisse über dieses wichtige Organ. Das Ergebnis sind Schmerzen, Lahmheiten und Stoffwechselstörungen der Tiere.

Nachstehend eine Stellungnahme von Dr. med. vet. Hiltrud Straßer, Tübingen.

Zur neuen Mode von Klebebeschlag an Pferdehufen

Im Laufe der gemeinsamen Mensch-Pferd-Geschichte haben die Pferdehalter immer versucht, die Hufe zu manipulieren, um den schädlichen Auswirkungen der nicht artgerechten Haltungsbedingungen entgegenzuwirken. Wie in fast allen alten Hufschmiede- und anderen Büchern von Pferdekennern zu lesen ist, bringt das in der Regel nur kurzzeitige erwünschte Effekte, die bald von schlimmeren Problemen abgelöst werden und zu einer geringeren als der natürlichen Lebenserwartung von Pferden führen. War anfangs bei schweren Zugpferden die anschnallbare Sandale das Mittel der Wahl, so hat der Mangel an Festigkeit in der Verbindung zur Entwicklung des angenagelten Hufeisens geführt. Hierbei hat sich die krankmachende Wirkung schon frühzeitig gezeigt. Pferdekenner wie Spohr (1), Lungwitz (2), Groß (3) u.a. haben darauf hingewiesen, dass die Probleme , unter denen Pferde in menschlicher Obhut zu leiden haben, durch das angenagelte Hufeisen verstärkt werden. Sie empfahlen daher – Änderung der Haltungsbedingungen war früher aus sozialen und ökonomischen Gründen nicht möglich – so oft es immer möglich war, die Pferde barhuf gehen zu lassen. Jedoch bei den Haltungen in geschlossenen Räumen, mit Bewegungsmangel und Mangelernährung, war das höchstens im Winter in der Landwirtschaft möglich. Die Natur (eines Pferdes) lässt sich nicht überlisten. Schon vorher galt der Spruch von versierten Pferdemenschen: „Ein Pferd ist immer nur so gut wie sein bester Huf.“

Im letzten Jahrhundert begannen wissenschaftliche Untersuchungen über das Wesen des Organes Huf

Die spezielle Art der Blutzirkulation im Huf wurde bekannt, die Hornstrukturen wurden sogar elektronenmikroskopisch untersucht und der Feuchtigkeitshaushalt des Hufhornes wurde beschrieben. Dennoch wurde weiter versucht, nicht die Ursachen in den unnatürlichen Haltungsbedingungen zu sehen, sondern in der Festigkeit des Hufhornes, das man irgendwie verbessern wollte. Zu diesem Zweck entwickelte man speziellen Huflack (der sich als giftig erwies), oder anschnallbare Kunststoff-Hufschuhe, die aber entweder nicht der Bewegungsintensität standhielt oder den Huf genauso stark zusammenpressten wie Hufeisen. Mal wurde das Gewicht reduziert (z.B. bei Aluminium-Beschlag) oder die Stoßdämpfung verbessert. Jedoch gab es mit unterschiedlichen Methoden solchen „Hufschutzes“ wieder andere Probleme (z.B. Gleitphase verändert und folglich Muskel- und Sehnenschäden). Eine bekannte Firma hat im vorigen Jahrhundert mit Klebebeschlägen experimentiert. Immer zeigten sich jedoch Nachteile: z.B. hielt der Kleber gut, aber riss bei normaler Bewegungsbelastung oder bei notwendig werdendem Wechsel zwecks Kürzung der nachgewachsenen Hornbereiche, Stücke vom Wandhorn mit aus. Auf jeden Fall wurde der Huf so stark eingeengt, dass gesunder Hufmechanismus nicht zustande kommen konnte.

Neuerdings hat man elastische Kunststoffe entwickelt, die angeblich problemlos die Bewegung der Hufkapsel mitmachen, ohne den Hufmechanismus einzuschränken. Da sich die Struktur des Hufhornes in ein paar Dekaden an Jahren nicht verändert hat, bleibt das Problem die Festigkeit und der Halt am Huf zu Lasten des Hufmechanismus und der Struktur der Hornwände (die bei starkem Hufmechanismus zwar am Hufschutz kleben bleiben, aber die Wand im Innern den starken Scherwirkungen nicht standhalten und ausbrechen). Zusätzlich ist die Bodengleitphase zu Lasten der Gelenke, Sehnen und Muskeln verändert. Das heißt, die enormen Schäden des eingeschränkten Hufmechanismus sind auch bei dem neuen Klebe-Hufschutz vorhanden und werden zusätzlich durch die Effekte bei Auffußen verschlimmert.

Es wird demnach dringend davon abgeraten, Hufschutz zu verwenden, und stattdessen für bessere Haltungsbedingungen, unter denen die natürlichen Hufe gesund bleiben, zu sorgen, sowie sich mit dem Organ „Huf“ intensiv zu beschäftigen und entsprechende Hufkorrekturen durch sinnvoll geschulte Kräfte vornehmen zu lassen.

(1) Spohr: Die Bein- und Hufleiden der Pferde, 1922
(2) Lungwitz: Der Lehrmeister des Hufbeschlags, 1896
(3) Groß: Lehr- und Handbuch der Hufbeschlagskunst, 1861

Epilog von Bernd Paschel

Das Barhuf-Laufen ist auf dem Vormarsch. Immer mehr Pferdehalter, die offen sind für moderne Forschung, erkennen, dass fremdes Material am Huf kein Schutz ist, sondern langfristig zu brüchigem Horn und Gelenkschäden führt und sogar zu Stoffwechselproblemen, die nicht so schnell erkannt oder nicht in diesen Zusammenhang gebracht werden.

Der beste Hufschutz für das Pferd sind rassetypische Bodenbeschaffenheit, der Anreiz zur Bewegung, tägliches Wasser für das Hufhorn, eine bedürfnisgerechte Ernährung und eine Hufkorrektur zum Kürzen des nachgewachsenen Hornes.

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