Die russische Seele mit Wodka, Weib und Gesang oder „Der Jahrmarkt von Sorotschinzi“ an der Komischen Oper Berlin

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Modest P. Mussorgski: Der Jahrmarkt von Sorotschinzi, Oper in drei Akten [1880/1932] | In russischer Sprache. © Foto: Monika Rittershaus

Berlin, Deutschland (Weltexpress). Modest P. Mussorgskis Oper fand ihre Uraufführung 1932 in Moskau. In Berlin an der Komischen Oper 1948. Intendant Barrie Kosky nahm dieses Mütterchen Russland karikierenden Stück, um seinen Chören eine große Herausforderung zu geben an ihre Gesangsleistungen und schauspielerischen Künste. Dieses wurde bravourös gemeistert und vom Premierenpublikum mit großen Applaus goutiert.

Mussorgskis Libretto (nach einer Erzählung von N. W. Gogol) handelt vom Teufel auf der Suche nach seinem roten Kittel, begleitet von einer Schar wildgewordener Schweine. Im Mittelpunkt steht jedoch der Jahrmarkt mit seinen Händlern und Käufern und natürlich die frustrane Lovestory zwischen Parasja (exzellent gesungen von Mirka Wagner) und Grizko (herzzerreißend in seinen Liebeskummerarien gesungen von Alexander Lewis), denn Chiwrja (witzig und gut gesungen von Agnes Zwierko), die Mutter Parasjas, eine diktatorische Megäre und Schreckschrauben-Schwiegermutter, macht allen das Leben zur Hölle: dem trunksüchtigen Ehemann Tscherewik (mit großem Applaus bedacht: Jens Larsen), dem potentiellen Schwiegersohn, den sie nicht will und somit auch der Tochter.

Die Bühne blieb kahl, lediglich der Fußboden wird grün angeleuchtet und eine wie ein riesiges Sideboard wirkendes Konstrukt wird je nach Szene die schräg gestellte Bühne hinauf oder hinunter bewegt.

Diese Nüchternheit, die dunklen Bauernkostüme, auch der Beginn von Bühnenauftritten ohne jegliche Beleuchtung oder auch nur die beleuchteten Gesichter des riesigen Chores, versinnbildlichen gut die Armut der Bevölkerung und wie es zu Wodka-Exzessen und ständig betrunken herumtorkelnd wirkenden Sängern kommt. Dieses Werk ist autobiografisch. Mussorgski war alkoholkrank und konnte seine Oper nicht zu Ende schreiben. Daran arbeiteten andere bis zum Schluss.

Diese Dunkelheit und Düsterheit wird jedoch im nächsten Moment von überschäumenden Festen und Gelagen abgelöst, wo der Teufel mit seiner Bagage auch in roten Kostümen auftritt, teils mit Schweinsköpfen und -Nasen, Schweinekopf tragende Darsteller auf Stelzen und auch ein Priester, Liebhaber der Schwiegermutter, muss sich in einem Truthahn-Hintern verstecken und läuft so auf der Bühne herum.

„Der Jahrmarkt von Sorotschinzi“ an der Komischen Oper Berlin ist ein derbes Bauernstück, welches Kosky mit Bravour zu neuem Leben erweckte, jedoch sind die Gesänge, die die russische Seele wiedergeben, so bezaubernd und hell klingend – begleitet von einer Zitter oder einer Gusli, also einem altrussischen Saiteninstrument, das häufig in der russischen Volksmusik verwendet wird -, dass die derben „Schweinereien“ in den Hintergrund treten und einer bezaubernden Musik und Darstellung den Vortritt geben.

Im vielfach Beifall spendenden Premierenpublikum war auch der Berliner Ex-Bürgermeister Walter Momper mit Gemahlin und ohne roten Schal anzutreffen.

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