Die Dicke und das zarte Meißener Porzellan – Noch knapp zwei Monate ist der ’Stein der Weis(s)en’ sichtbar

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Meissner Porzellan auf dem Höhepunkt.
Leipzig (Weltexpress) - „Oh - it’s nice!“, zwitschert eine Dicke mit schwer schätzbarem Alter aus Ohio, USA und dreht sich im Kristallspiegel umrankt mit Meißener Porzellan-Blumen. Ihr Reisegefährte biegt sich für ein farbiges Bild in der Kompaktkamera. Klick und die Dicke ist im Kasten”¦

Auf der Albrechtsburg zu Meißen aus dem 15. Jahrhundert hoch auf einem Felsen über der Elbe thronend dreht sich gegenwärtig in einer Sonderausstellung alles um ’den Stein der Weis(s)en’, um die Präsentation der Geschichte des Meißener Porzellans. In der sehr informativen Ausstellung werden „300 Jahre Mythos Manufaktur Meissen – die Albrechtsburg als Porzellanschloss“ – so ihr Untertitel – ’abgerechnet’.

Im – historisch betrachtet – ersten Schloss Deutschlands, das aber kaum als solches fungierte, wurde ab 1710 auf Anweisung von August dem Starken das erste europäische Porzellan produziert. Immerhin 153 Jahre lang und zunächst streng geheim wurde entwickelt und gefertigt. An einer alten Produktionsstätte, an den Fundamenten eines Brennofens, geht der Besucher im Schlosshof vorbei.

Die Ausstellung in den historischen Räumen beginnt mit der Darstellung der Produktion im Schloss. Die Ausstellungsmacher wollten es, dass der Besucher beim Durchschreiten eines Ganges historische Produktionsgeräusche wie Pferdegetrappel, Hämmern beim Zerschlagen von Steinzeug oder Manufakturlärm nachempfinden kann. Die Geschichte beginnt zu leben”¦

In den beengten Schlossräumen müssen damals sehr schwierige Arbeitsbe-dingungen geherrscht haben. Zeitweise sollen mehr als 700 Menschen das ’Weiße Gold’ produziert haben. Dabei war das so genannte ’Weiße Gold’ am Anfang gar nicht weiß, sondern, zunächst rostbraun. Es war das rote ’Jaspisporzellan’, heute als Böttgersteinzeug bekannt. Dünnwandige Gefäße konnten aus dieser Porzellanmasse auch schon hergestellt werden. „Weißes Porzellan erreicht erst um 1713 eine marktfähige Qualität.“, erfährt der Besucher. Dieses frühe Porzellan, das so genannte Böttgerporzellan, hatte noch einen leicht gelblichen Farbton. Erst nach dem Tod Böttgers gelang es, ein blendend weißes Porzellan herzustellen. Diese Entwicklung wird anschaulich – und das in mehrfacher Hinsicht – in Vitrinen präsentiert. Was heißt ’Vitrinen’. Diese Schaukästen aus Edelstahl und mit kaleidoskopartig angeordneten Spiegeln sind ein Kunstwerk für sich. Die Exponate spiegeln sich mehrfach. Durch diese effektvolle Präsentation wird die Kunstfertigkeit der Exponate um ein Vielfaches gesteigert.

In der Ausstellung werden zudem die Veränderungen in künstlerischer Hinsicht dargestellt. Seit 1739 gibt es z. B. das bekannte Zwiebelmuster, das erfolgreichste Blaudekor aller Zeiten. Der Besucher wird aufgeklärt, dass das Zwiebelmuster kein Zwiebelmuster ist. Granatäpfel und Pfirsiche erkennt nun auch der aufmerksame Betrachter. Porzellangefäße werden mit Gemälden Alter Meister der Dresdener Gemäldegalerie dekoriert. Es kommt die kurze Phase der Relief-Porzellane. Die böhmische Glasproduktion lässt hier grüßen, denn die Exponate ähneln farbigem Glas. Ein wunderschöner Teller geformt und gefärbt nach Herbstlaub beeindruckt. Interessant in der Abteilung ’Kunst oder Kommerz’ der Versuch kommerzielle Interessen mit Kunst oder umgekehrt zu Verbinden. Während der Napoleonischen Kriege hatte die Manufaktur ernsthafte Probleme mit dem Absatz. Innovation und Beweglichkeit waren gefragt. Dank diesen beiden sächsischen Tugenden überwanden die Meißener ’Porzellanmacher’ diese und andere Krisen. Innovation wird der Porzellanmanufaktur auch künftig helfen.

Porzellanherstellung erforderte vor allem in den ersten Jahren viel Fingerspitzen-Gefühl bei der Rezeptur, beim Mischen, Brennen und Malen. Wer will, kann das in der Ausstellung virtuell probieren und erleben. Drei Frauen mittleren Alters versuchen es. „So ein Mist! Nun sind wir schon zu dritt und immer scheitern wir beim Brennen.“, faucht Sabine M. zerknirscht. „Es ist der dritte Versuch ein Porzellangefäß herzustellen. Immer scheitern wir drei bei diesem Arbeitsgang.“, meint sie. Vielleicht sind zwei zu viel. Bekanntlich verderben viele Köche den Brei. Mann hält sich deshalb bei der virtuellen Porzellanherstellung lieber im Hintergrund…

Dieses Spiel vermittelt Wissen über die komplizierte Herstellung des Porzellans von der Rezeptur der Masse bis zum fertigen Gegenstand. Es bedarf der Ausdauer fast so wie im richtigen Herstellungsprozess. Ein würdiger Abschluss”¦

70-tausend Besucher sahen bis Ende August die Schau zum Jubiläum des Meißener Porzellans, die noch knapp zwei Monate (bis 31. Oktober 2010) laufen wird.

Flankiert wird sie von interessanten Veranstaltungen wie dem Familien-Sonntag am 05. September mit ’magischen Momenten und überraschenden Erkenntnissen für große und kleine Forscher’ auf dem Burghof und dem ’Chemielabor im Kochtopf’. Es gibt viele Führungen z. B. einer mit Taschenlampen (mit Voranmeldung). Am 3. Oktober steht ein Familien-Erlebnistag auf dem Programm. Weiterhin gibt es ein Angebot für Sparsame: Jeden Mittwoch von 18 bis 21 Uhr kann die Ausstellung kostenlos besucht werden.

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Kontakt: Albrechtsburg, Meißen, Domplatz 01662 Meißen, Tel. 03521-4707-0, Fax Tel. 03521-4707-11, Email: albrechtsburg@schloesserland-sachsen.de, www.der-stein-der weissen.de

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