Die Ambivalenz des Lebens – Sowohl das eine als auch das andere zu wollen, ist für viele die Krux des Lebens

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Quelle: Pixabay, CC0 Public Domain

Berlin, Deutschland (Weltexpress). Es trug sich zu, dass ich einmal in einer katholischen Kirche zur Hochzeit oder Beerdigung war. Da hörte ich den Pfarrer über Jesus Christus sagen „ich bin der Weg und die Wahrheit“. Draußen vor der Tür meinte ich, wenn jemand von sich behauptet, er sei der Weg und die Wahrheit, dann wird er entweder als Gott verehrt oder er wird gekreuzigt. Ich bin für die Kreuzigung, da ich weiß, wie viel Leid und Unglück die einzige Wahrheit über die Menschen bringt. Es zeigt auch, welche ungeheure Bedrohung in der einzigen Wahrheit liegt. Das Kreuz ist das Sinnbild für die Ambivalenz. US-Präsident Donald Trump wird von den einen als Heilsbringer, als Macher, der seine Pläne entsprechend seinen Versprechungen direkt umsetzt, verehrt, andere würden ihn am liebsten kreuzigen.

Die Ambivalenz des Lebens, gleichzeitig das eine oder das andere zu möchten. Ob ich zum Beispiel heirate oder Kinder kriege, muss ambivalent sein. Bei der Heirat verzichte ich auf andere Frauen, die mir unter Umständen interessanter erscheinen, verzichte auf meine Freiheit. Deswegen kommt die Untreue später in viele Ehen hinein, sowohl von den Männern wie auch von den Frauen. Nur in patriarchalischen Verhältnissen ist das den Männern erlaubt, damit sie keine Eifersucht empfinden müssen, und die Frauen sind in ihrer Partnerwahl entrechtet. Bei Kindern muss ich viel Zeit und Geld investieren und kann nicht mehr diese Zeit und das Geld für anderes nutzen. Deswegen muss man ambivalent sein.

Eltern wünschen sich unbedingt Kinder, aber gleichzeitig sind sie unfruchtbar. Die Ambivalenz wird sozusagen auf die untere Ebene verbannt. Aber, Gott sei Dank, bietet Ihnen die Medizintechnik Möglichkeiten, doch noch ein Kind zu bekommen. Dann durchmachen sie eine Phase zwischen Hoffen und Bangen, und je nachdem welche Seite Oberhand gewinnt, bekommen Sie Ihr Kind oder nicht. Den Hintergrund bildet vielleicht, dass die Kinder nach dem gewünschten Bild werden, dazu erzogen werden. Das ist nicht immer der Fall und dadurch entstehen viele familiäre Konflikte wie Protest, Trotz, Verweigerung, Sabotage und der Gegenbeweis

Wenn der Mensch jedoch in der Ambivalenz etwas schlimmes oder böses befürchtet, dann kann er diese Ambivalenz nicht akzeptieren und ertragen. Dann neigt er zur Aufspaltung und, wenn die verschiedenen Zeiten nacheinander, es erscheint ihnen aber so als ob sie gleichzeitig, zwangsläufig in Erscheinung treten, gerät er in innerem Widerspruch oder eine Zerrissenheit und Verwirrung. Hamlet sagte, „to be or not to be“, sein oder nicht sein. Unter traumatischen Bedingungen ist die Ambivalenz das Rätsel der Menschheit. Um den Ambivalenzen zu entkommen, neigt der Mensch zur Bündelung und Zusammenführung, entweder des einen oder des anderen. Alles ist gut oder alles ist schlecht. Das halte ich für eine Form der Aufspaltung. Er nimmt nicht mehr beide Seiten oder die Vielfältigkeit der Seiten wahr. Das ist in etwa so, wenn sich zwei Menschen gegenübersitzen und eine Medaille betrachten, sieht jeder die andere Seite. Und wenn er dann glaubt, seine Seite, die er sieht, sei die einzig wahre, dann gerät er in Verwirrung, wenn die Medaille hin und her gewendet wird.

Man sieht an der Hin- und Herwendung der Medaille, die verschiedenen Seiten und die Ambivalenz treten im Nachhinein in Erscheinung. Dieses ist völlig normal und selbstverständlich. Jedoch herrscht im allgemeinen die Meinung vor, eindeutig und klar und nicht ambivalent zu sein. Politiker können damit punkten. Im Handlungsbereiche wird die Ambivalenz zu einer Ambitendenz. Als Ambitendenz wird das Vorliegen gleichzeitig so erscheinender einwirkender, gegenläufiger Willens- und Triebimpulse bezeichnet. Dies kann zu einer völligen Blockade oder ein Wechsel von Unruhe und Antriebsimpulsen führen. Begonnene Bewegung werden unterbrochen und gehen direkt in die Gegenbewegung über. So wird im Handlungsbereich die Ambivalenz zu einer Ambitendenz, und diese stellt eine ungeheure Bedrohung dar für einen selbst durch Autoaggressionen und Krankheiten und für andere durch Aggressionen.

Viele Menschen haben Kreuzbeschwerden, da sie völlig überlastet sind, im Beruf, im Sport, in der Familie oder anderweitig. Einmal sagte ein Chirurg zu mir „die Kreuzbeschwerden sind das Kreuz des Lebens, das der Kranke sich selbst aufgeladen hat, aber nicht bereit ist zu tragen.“ Der Kranke überlastet sich und wehrt sich in seiner Ambivalenz also dagegen. Er will diese Lasten tragen oder meint, sie tragen zu müssen, und will das auch nicht.

Ich selbst litt früher öfter unter Kreuzbeschwerden, einem so genannten Hexenschuss. Eines Tages mit um die 60 Jahren kam ich mir auf die Schliche, wie das sich in meinem Inneren abspielt. Ich bückte mich im Hühnerstall, um den Hühnerdreck zu beseitigen, da hatte ich die Fantasie, welche Gartenarbeit ich noch machen wollte und zwar alles auf einmal. Da bekam ich solche Rückenschmerzen, daß ich kaum gehen konnte, und es wochenlang dauerte, bis sie vorbei waren. Danach machte ich nach und nach in aller Ruhe alles im Garten, was ich mir vorgenommen hatte. Die Hexe war wohl meine Mutter, bei der ich immer für mich zu viel machen musste, mich dagegen wehrte, und die ich verinnerlicht hatte, weil ich es so gewohnt war. Wenn jetzt die Stimme wieder kommt „alles auf einmal“, dann pfeife ich mich innerlich zurück, sage mir „Ruhe bewahren, eins nach dem anderen“, wie ich das sowieso machen kann, und hatte keine Rückenschmerzen mehr, jedenfalls keinen richtigen Hexenschuss. Also die Fantasie, das innere Bild führt zu dieser Überbelastung, natürlich auch realer Druck wie in der Familie und in der Arbeitswelt, und ich hatte die Erfahrung, durch gemächliches Tun dieselbe Arbeit zu schaffen – eine gute Erfahrung.

Der Mensch ist ein soziales Wesen. Die anderen sind ihm genau so wichtig wie er selbst. Er hat die Neigung, sich nach dem Umfeld, nach den Anderen zu richten, um mit ihnen in Einklang zu stehen. Wenn jedoch eine Forderung an ihn gestellt wird, meistens schon in der Kindheit, ohne ihn zu fragen und nicht im Einklang mit ihm, wie er dazu steht, ja von ihm sogar ein vorauseilender Gehorsam gefordert wird, wird sozusagen ein vorauseilender Trotz bei ihm provoziert. Wenn dann noch dazu wie in den meist gelesenen pädagogischen Büchern im ausgehenden 19. Jahrhundert von dem Orthopäden Schreber und während der Hitlerzeit gefordert wird „der Wille des Kindes ist um jeden Preis zu brechen!“, und er das auch noch verinnerlicht wird, hat das sehr unheilvolle Folgen. Der Mensch neigt dazu, die Eltern zu übernehmen und den Eltern zu gehorchen, um mit ihnen im Einklang zu stehen. Dann wird der Trotz auf die untere Ebene verbannt. Er neigt in Identifikation mit den Eltern, die er in sich trägt, zu Autoaggressionen und in Ambivalenz dazu, die Aggressionen und die Wut nach außen zu bringen, um nicht an den eigenen Aggressionen zu ersticken.

Im ersten Fall neigt er zu Krankheiten, damit die Eltern verschont bleiben und sich gleichzeitig Sorgen machen, und er mit ihnen im Konsens bleibt. Im zweiten Fall ist er eine Gefahr für die Anderen. Er neigt nämlich dazu, sich Sündenböcke zu suchen, an denen er die Wut ablassen kann. Wenn das noch dazu staatlicherseits gefördert wird, weil in dem Staat die Obrigkeit denselben Mechanismen unterliegt, dann sehen wir, wozu das im Dritten Reich geführt hat, zu einer vernichtenden Wut gegen die Juden, die Homosexuellen, die psychisch Kranken und die Zigeuner. Andererseits führte diese Wut dazu, vernichtende Kriege zu führen. Gleichzeitig herrscht die Vorstellung, im Osten, im Land der aufgehenden Sonne, wie im Hitlerreich, eine neue Heimat zu finden, als Symbol für eine idyllische, verlorene Kindheit.

Die Ambivalenz prägt auch das Verhältnis von den Vätern zu ihren Söhnen, wenn diese traumatisiert sind. Die Väter sehen in sich den Verfall und keine Zukunft mehr und beneiden ihre Söhne um ihre Zukunft, Attraktivität und Jugend. Verschärft wird das ganze noch, wenn die Mütter ihre Söhne gegenüber ihren Männern bevorzugen. Im globalen Sinne führt das dazu, dass die Väter die Kriege anzetteln, und die Söhne darin umkommen, ein in Kriegen globaler Sohnesmord.

Auch führt es zu einer Angst vor den Eltern, weil ja diese mit ihren Normen und Werten sozusagen als Fremdes und gleichzeitig so Vertrautes in ihnen sind, und dieses wird auf alles Fremde verschoben. Das gibt Anlaß zu Fremdenangst und Fremdenhass, wie es heutzutage bei etwa einem fünftel unserer Gesellschaft der Fall ist, meist in der Latenz. Nämlich die Prägung und Erziehung besteht transgenerationell noch fort und erzeugt immer die gleichen Verhaltensweisen. Es wird sozusagen die Ambivalenz in Angst und Hass gebündelt. Soziales Empfinden und Empathie gehen dabei verloren. Auch wird ein Größenbild oder Souveranitätsbild der Unversehrtheit erzeugt, über allem und allen Menschen zu stehen, sie uns untertan zu machen und uns unangreifbar zu machen. Gegenüber diesem Größenbild kann der normale Mensch nur ein Versager sein. Daher kommen manche Minderwertigkeit und Versagensgefühle. Man führe sich vor Augen, mit welcher Selbstverständlichkeit und mit welchem Rechtsbewusstsein nach ihrem Größenbild die Nazichergen mordeten.

Die Geschichte geht sogar noch weiter. Ja, die Eltern prägen sogar öfter die Kinder im Sinne des Trotzes, damit die Kinder sich wehren, einerseits um ihre Überlegenheit bewahren und andererseits, um sich mit ihnen zu identifizieren. Wahrscheinlich oder gesetzmäßig war dieses in ihrer Kindheit ebenso abgelaufen, und sie kennen das gar nicht anders. Deswegen sind sie als Eltern und Erwachsene noch in ihrer Kindheit verhangen und suchen in ihren Kindern ihre eigene Befreiung. Die Kinder sollen ihr Vorbild sein, um sich mit ihnen identifizieren zu können, sollen so richtig böse sein, damit ihre Eltern auch böse sein können. Das Bösesein bewahrt davor immer gut sein zu müssen. Die Rolle des Guten ist wie ein Gefängnis, aus dem ich entfliehen möchte. Aber wenn ich mich in dem Gefängnis wohl fühle und Macht habe, möchte ich in diesem vertrauten Gefängnis bleiben. Auch wieder eine Ambivalenz. Die Unterlegenheit der Eltern in der Kindheit wird durch die spätere Überlegenheit ausgeglichen. Dazu werden in gewisser Weise die Kinder missbraucht und führen diesen Mißbrauch in der nächsten Generation fort.

Ich möchte die Ambivalenz an einer Stunde mit dem Patienten illustrieren, der schon mehrfach Anlass zu Artikeln gab: „Es geht mir einiges durch den Kopf, ich sag besser nichts, weil das eh bei ihnen nicht ankommt. Ich verwechselte Sie mit den Eltern. Die alten Bilder sind drin, dass ich nicht gehört werde. Durch die Verwechslung in der Übertragung entwerte mich selbst, ich bin nicht beachtenswert. Die Entwertung ist da, oh Mann, das tut weh. Bei jedem Kontakt zu anderen Menschen habe ich Schmerzen, ich bin nicht liebenswert. Die Aggression merke ich erst gar nicht. Alles ist verkrampft, das ist wie automatisch. Ich nehme die Schmerzen war, aber nicht die Aggressionen. Das ist, als ob das mich bestraft, meine Mutter mit den Schmerzen. Ich spüre das nur, aber ich kann es nicht richtig sagen, mich äußern und es fassen. Es ist ohne Worte. Die Ambivalenz ist wortlos, ich bestrafe die Mutter, indem ich nichts mehr sage.

Ambivalente Aufträge von der Mutter, ich soll und soll nicht. Ich nehme ihre Ablehnung war, die Wut, den Trotz, dadurch blockiere ich mich, ziehe mich zurück. Ich weiß nicht, ich darf nicht wütend sein. Ich verstehe nichts, ich soll was machen und soll es nicht. Laßt mich in Ruhe! Warum soll ich das enträtseln, ich will das nicht aufdröseln, das ist so mühsam, ich will das nicht verstehen. Ich soll, ich will es aber nicht verstehen, dazwischen hänge ich drin. Das einzige, was noch da ist, ist Trotz, Wut und Verkrampfung. Sobald ich entspanne, tauchen die Schmerzen auf. Dann ist es besser für mich zu verstehen, dann verweigere ich mich, das ist wie ein Zwang in mir, den ich verweigere. Das Verstehen ist auch ein Wegreden, das macht mich wütend.“ Hört doch mal, sie wie es mir geht“. Ich bin, wie ich bin, es gibt einen Grund, der Grund ist mir ausgeredet. Das hat mich entwertet, die Entwertung schafft neue Gründe. Ich hab doch ein Recht auf meine Gründe. „Bildest dir das nur ein, nimm Vernunft an“, ist der Spruch meines Vaters. Was ist Vernunft, das sitzt in mir drinnen, ein Vernunftsgebilde Das will ich nicht verstehen, weil das ein Ausreden ist, und es ist doch alles mein Fehler. Auf der einen Seite sind der Trotz und die Aggressionen, andererseits die Vernunft. Die ist erlaubt. Ich würde gerne das tun, was erlaubt ist. Vernünftig, dass es so oder so ist.
Aber ich denke, es müsste eine Eindeutigkeit geben. Ich habe einen Zwang zur Eindeutigkeit, denn Vieldeutigkeit verwirrt mich.“

Ich hoffe, ich habe Ihnen das Thema der Ambivalenz und ihre zu Grunde liegende Bedeutung aus verschiedenen Perspektiven verständlich gemacht.

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