Der Marsch der Torheit – Tote und Terror auf dem Tempelberg

0
598
© Foto: Dr. Bernd Kregel

Tel Aviv, Israel (Weltexpress). Mein verstorbener Freund, Nathan Yellin-Mor, der politische Führer der LEHI-Untergrundbewegung sagte mir einst, dass ein gewisser Politiker „kein großer Denker und kein kleiner Dummer“ sei.

Ich erinnere mich, dass mir der Satz jedes Mal einfällt, wenn ich an Gilad Erdan denke, unser Minister für Innere Sicherheit. Sein Anteil an den Ereignissen der letzten Wochen, in denen der gesamte Nahe Osten beinahe explodiert wäre, bestärkt dieses Urteil.

Einerseits erinnert mich Binjamin Netanyahu an das Sprichwort: „Ein cleverer Mensch ist jemand, der weiß, wie er aus einer Falle wieder herauskommt, in die ein kluger Mensch gar nicht erst hineingeraten wäre.“

Über Netanyahu hätte ich gesagt: „ Ein sehr kleverer, aber nicht sehr kluger Mensch.“

Es gibt zwei Wege, um historische Desaster zu betrachten. Der eine sieht sie als Verschwörung übler Menschen, der andere sieht in ihnen Handlungen aus Torheit.

Es ist leicht, die erste Auffassung zu verstehen. Letztendlich kann es nicht sein, dass unser eigenes Leben von einem Haufen Narren abhängt, die von nichts eine Ahnung haben.

Zum Beispiel könnte man leicht glauben, dass Binyamin Netanyahu einen geheimen Befehl an einen Sicherheitsbeamten in der israelischen Botschaft in Amman sandte, zwei Jordanier zu töten, um ihm (Netanyahu) zu ermöglichen, mit dem König von Jordanien über die Entlassung des Mannes zu verhandeln als Gegenleistung für die Entfernung der Metalldetektoren am Tempelberg in Jerusalem. Pure Genialität.

Die andere Version ist bedeutend prosaischer. Sie besagt, dass fast alle Menschen, die das Schicksal der Nationen und Länder bestimmen – Kaiser und Könige, Staatsmänner und Generäle, Linke und Rechte – perfekte Narren sind. Eine erschreckende Idee. Aber es war immer so und ist es noch immer. In der ganzen Welt, vor allem aber in Israel.

Einer meiner Freunde sagte diese Woche: „Es besteht keine Notwendigkeit, Kameras auf dem Tempelberg zu installieren, wie man es getan hat. Wir sollten die Kameras eher im Kabinettsaal installieren, weil das die größte Gefahrenquelle für Israels Zukunft ist.“

Amen!

Barbara Tuchman, die amerikanisch-jüdische Historikerin, schuf den Satz „der Marsch der Torheit“. Sie recherchierte mehrere historische Desaster und bewies, dass sie aus purer Dummheit verursacht wurden.

Ein Beispiel: Der Erste Weltkrieg mit seinen Millionen Opfern, der das Ergebnis einer Reihe unglaublicher dummer Handlungen war.

Ein serbischer Fanatiker tötete einen österreichischen Erzherzog, dem er durch Zufall wieder begegnete, nachdem der geplante Attentatversuch auf ihn fehlgeschlagen war. Der österreichische Kaiser sah eine Gelegenheit, um seine Tapferkeit zu zeigen und stellte dem kleinen Serbien ein Ultimatum. Der russische Zar mobilisierte seine Armee, um die slavischen Brüder zu verteidigen. Der deutsche Generalsstab hatte einen Plan, der vorsah, dass die deutsche Armee, sobald die Russen mit der Mobilisierung ihrer unflexiblen Armee begannen, in Frankreich eindringen und es zerschlagen würde, bevor die Russen kampfbereit wären. Die Briten erklärten den Krieg, um die Franzosen zu unterstützen.

Keiner dieser Akteure wollte einen Krieg – und am wenigsten einen Weltkrieg. Jeder von ihnen trug ein wenig Torheit bei. Gemeinsam starteten sie einen Krieg mit Millionen Toten, Verwundeten und Behinderten. Am Ende waren sich alle einig, dass die einzige Person, die die Schuld dafür trug, der arme deutsche Kaiser war, der auch kein kleiner Narr war.

Dieselbe Historikerin hätte sicher gerne über die letzten Ereignisse auf dem Tempelberg in Jerusalem geschrieben.

Drei palästinensische Fanatiker, Bürger Israels, töteten auf dem Tempelberg zwei Grenzpolizisten, die Drusen waren. (Die Drusen sind eine separate, halb-muslimische Sekte).

Irgendjemand, wahrscheinlich einer aus dem Polizeibereich, kam auf die brilliante Idee, dort Metalldetektoren zu installieren, um solche Gräueltaten zu verhindern.

Nur drei Minuten Nachdenken hätte genügt, um zu begreifen, dass das eine dumme Idee war. An einem guten Tag betreten hunderttausende Muslime den Tempelberg, um in und vor der al-Aksa-Moschee, eines der drei höchsten Heiligtümer des Islams (nach Mekka und Medina), zu beten. Diese Massen durch die Detektoren zu schleusen, wäre dasselbe, wie einen Elefanten durch ein Nadelöhr zu schleusen.

Es wäre einfach gewesen, die Waqf-Behörden anzurufen (Waqf ist eine muslimische Stiftung), die die Verantwortung für den Tempelberg haben. Diese hätten den Gedanken verworfen, weil das die israelische Souveränität über die heilige Stätte behauptet hätte. Ebenso hätten sie den König von Jordanien anrufen können, der formell für die Waqf zuständig ist. Er hätte dem Nonsens ein Ende bereitet.

Stattdessen erfasste diese Idee Erdan, der sofort begriff, dass diese Aktion ihn in einen Helden verwandeln würde. Erdan ist 46 Jahre alt und wurde in einem religiösen Seminar erzogen. In der Armee diente er in keiner Kampfeinheit, sondern in einem Büro. Die typische Karriere eines Politikers des rechten Flügels.

Erdan benahm sich wie ein Kind, das mit dem Feuer in der Nähe eines Benzinkanisters spielt. Die Metalldetektoren wurden montiert, ohne die Waqf-Behörden und den König zu informieren. Im letzten Moment informierte er Netanyahu, dessen Abreise ins Ausland kurz bevorstand.

Netanyahu hat viele teure Hobbys, aber sein liebstes ist, ins Ausland zu reisen und die Größten der Welt zu treffen, um zu beweisen, dass er einer von ihnen ist. Er wollte sich mit dem neuen Präsidenten von Frankreich treffen und danach mit vier Führern aus Osteuropa, allesamt halbe Demokraten und zu einem Viertel Faschisten.

Netanyahu war nicht in der Stimmung, um sich um den Nonsens von Erdan, einem seiner Zwerge, zu kümmern, kurz bevor er die Riesen der Welt treffen würde. Ohne genau zu wissen, was er tat, bewilligte er die Detektoren.

Wann der General-Sicherheitsdienst (Shabak) gefragt wurde, ist nicht klar. Aber dieses Gremium, das tief mit der arabischen Realität verbunden ist, warnte davor – ebenso wie der Militärnachrichtendienst. Aber wer sind sie schon, im Vergleich zu Erdan und seinem Polizeikommissar, ein Kipa tragender Kommandeur, der auch keine Leuchte ist.

Im Augenblick, wo die Detektoren montiert wurden, explodierten die Ereignisse. In den Augen der Muslime sah es nach einem israelischen Versuch aus, den Status Quo zu verändern und Herren des Tempelbergs zu werden. Der Benzinkanister fing Feuer.

Der Wahnsinn der Entscheidung wurde sofort sichtbar. Jehova und Allah betraten die Szene. Die muslimischen Gläubigen weigerten sich, durch die Detektoren zu gehen. Die Massen begannen, auf den Straßen zu beten.

Der Ernst der Lage kam bald zum Vorschein. Muslime, sowohl israelische Bürger, als auch solche aus den besetzten Gebieten, die einen Moment zuvor noch eine gesichtslose Masse waren, entpuppten sich plötzlich als ein entschlossenes Volk, bereit zum Kampf. Das war eine echte Leistung von Erdan. Bravo!

Die Detektoren entdeckten keine Waffen, aber sie enthüllten die Dimensionen der Torheit der Regierung. Massendemonstrationen fanden in Jerusalem, in den arabischen Stadtvierteln in Israel, in den besetzten Gebieten und in den Nachbarländern statt. Am ersten Wochenende wurden sieben Personen getötet und hunderte verletzt.

Das neue Idol hieß „Souveränität“. Die israelischen Behörden konnten die Detektoren nicht entfernen, ohne die „Souveränität“ aufzugeben (und den „Terroristen“ gegenüber konnte man nicht nachgeben). Die Waqf-Behörden konnten nicht nachgeben, ohne die „Souveränität“ über das dritt-größte Heiligtum des Islams zu opfern. Übrigens, keine einzige Regierung weltweit erkennt Israels Souveränität über Ost-Jerusalem an.

Die Muslime befürchten, dass die Juden, wenn sie den Tempelberg übernähmen, den Felsendom (die wunderschöne blaue und goldene Kuppel-Struktur) und die al-Aksa-Moschee zerstören und den Dritten Tempel an ihrer Stelle errichten würden. Das mag verrückt klingen, aber es gibt in Israel bereits Randgruppen, die Priester ausbilden und Geräte für den Tempel herstellen.

Laut Barbara Tuchman, können Führer der Torheit nur angeprangert werden, wenn mindestens eine kluge Person sie gewarnt hat. In unserem Falle war diese Person Moshe Dayan, der sofort nach der Eroberung des Tempelbergs 1967 befahl, die israelische Flagge zu entfernen, und den Soldaten verbot, ihn zu betreten.

Niemand wusste, wie man wieder aus der Sackgasse herauskommen konnte.

Netanyahu unterbrach seine erfolgreiche Rundreise im Ausland nicht, um nach Hause zu eilen und die Dinge selbst in die Hand zu nehmen. Warum sollte er? Wenn er jedesmal nach Hause eilte, wenn einer seiner Lakaien eine Torheit begangen hatte, wie könnten dann er und Sara’le, seine Frau, sich an der Welt erfreuen?

Und dann geschah ein göttliches Wunder. Gott selbst beteiligte sich an dem Kampf.

Ein jordanischer Tischler arbeitete in dem Appartment eines israelischen Sicherheitsbeamten in der israelischen Botschaft in Amann. Plötzlich griff er den Beamten mit einem Schraubenzieher an und verletzte ihn leicht. Der Beamte zog seinen Revolver und erschoss ihn. Ohne guten Grund erschoss er auch den Eigentümer des Appartments, einen jordanischen Arzt.

Es ist nicht klar, ob es sich bei dem Vorfall um eine Auseinandersetzung um Geld handelte oder ob der Handwerker plötzlich entschied, ein „Märtyrer“ zu werden. Es ist auch nicht klar, weshalb der Sicherheitsbeamte ihn erschoss, anstatt nur ins Bein zu schießen oder eine der Kampftechniken anzuwenden, in der er trainiert worden war.

Der ehemalige Premierminister Yitzhak Shamir, selbst kein kleiner Terrorist, hatte einst verkündet, dass es keinem (arabischen) Terroristen erlaubt sein sollte, die Terrorszene lebend zu verlassen. Und in der Tat, seitdem blieb kaum einer mehr am Leben, weder ein Mädel mit einer Schere, noch ein Mann, der einen Schraubenzieher schwang. Sogar ein tödlich getroffener Angreifer, der am Boden lag und verblutete, wurde noch in den Kopf geschossen. (Der Schütze wurde diese Woche aus dem Gefängnis entlassen).

Jedenfalls war für Netanyahu und Erdan der Vorfall in Amann ein Geschenk des Himmels. Der jordanische König stimmte zu, den Sicherheitsbeamten ohne Untersuchung zu entlassen, im Gegenzug zur Entfernung der Metalldetektoren in Jerusalem. Mit einem Seufzer der Erleichterung, der im ganzen Land zu vernehmen war, stimmte Netanyahu zu. Kein Israeli konnte gegen die Entfernung der Detektoren sein, als Gegenleistung zur Rettung eines unserer gallanten Jungen. Es war keine Aufgabe der „Souveränität“, es war die Rettung eines Juden – ein altes jüdisches Gebot.

Alle Mitarbeiter der Botschaft wurden nach Israel zurückgeholt – eine Stunde Fahrt – und Netanyahu feierte ihre „Rettung“ – obwohl niemand sie bedroht hatte.

Zwischenzeitlich geschah noch etwas anderes.

Netanyahu fürchtet weder Gott, noch die Araber. Er fürchtet sich vor Naftali Bennett.

Bennett ist der Führer der Partei, „Jüdische Heimat“, Nachfolger der National-Religiösen-Partei, einst eine sehr moderate Partei in dem Land. Nun ist sie die extremste rechte Partei. Es ist eine kleine Fraktion, mit lediglich acht Knesset-Mitgliedern (von 120); aber das reicht, um die Koalition zu brechen und die Regierung zu stürzen. Netanyahu hat Todesangst davor.

Als ihm die Wut über die Detektoren zu Kopf gestiegen war, drang ein junger Araber in die Halamish-Siedlung ein und tötete drei Mitglieder einer Siedlerfamilie. Er wurde verwundet und gefangen, wundersamerweise blieb er am Leben und kam ins Krankenhaus.

Bereits ein paar Stunden später verlangten Bennett und seine Justizministerin, dass der Mörder hingerichtet wurde. Es gibt in Israel keine Todesstrafe, aber aus irgendwelchen Gründen wurde diese Strafe nicht vom Kodex der Militärgerichte gestrichen. So verlangten Bennett und seine wunderschöne Justizministerin, sie anzuwenden.

In der gesamten Geschichte Israels wurden nur zwei Menschen hingerichtet. Einer war Adolf Eichmann, einer der Holocaust-Architekten. Der andere war ein Ingenieur, der der Spionage angeklagt war, (fälschlicherweise, wie sich später herausstellte) in der ersten Woche des Staates.

Die Forderung nach der Todesstrafe ist unglaublich dumm. Jeder „Terrorist“ träumt davon, ein „Shahid“ zu werden – einer, der sein Leben für Allah opfert und somit ins Paradies eingeht. Seine Hinrichtung würde seinen Traum erfüllen. Und nichts erregt mehr nationale und internationale Emotionen als eine Hinrichtung.

Die Anhänger der Todesstrafe und die Öffentlichkeit, die sie unterstützt, haben etwas Krankhaftes an sich.
Wenn ihre Forderung akzeptiert würde – keine Chance – würde das einen großen Sieg für die muslimischen Fanatiker bedeuten. Glücklicherweise widersetzen sich alle israelischen Sicherheitsdienste strikt dieser Forderung.

Aber in einem von der Torheit beherrschten Establishment entfacht selbst dieser Irrsinn Aufmerksamkeit und Unterstützung.

Anmerkungen:

Vorstehender Beitrag von Uri Avnery wurde vom Englischen ins Deutsche von Inga Gelsdorf übersetzt. Die Übersetzung wurde vom Verfasser autorisiert. Unter www.uri-avnery.de erfolgte am 29. Juli 2017 die Erstveröffentlichung. Alle Rechte beim Autor.

Anzeige