Der kranke Irrsinn in Syrien und der irre Trump im Weißen Haus – Krieg als politische Börsennotierung

0
1235
Leviathan USA
Leviathan USA. © CC by US Navy

Berlin, Deutschland (Weltexpress). Angesichts der aktuellen Nachrichten aus dem Kriegsgebiet in Syrien, muss wieder einmal jedem halbwegs klardenkenden Bürger vor Empörung die Galle überlaufen. Egal ob es sich um euphorische Feierstunden vor Ground Zero oder die Liquidierung von Osama bin Laden handelt, gleichgültig ob der Abwurf von Giftgasbomben auf die Bevölkerung oder das Kriegsgerassel eines unzurechnungsfähigen US-Präsidenten jeden gesunden Menschenverstand ad absurdum führt, das grauenvolle Schauspiel wiederholt sich und die Welt diskutiert über Ursache und Wirkung.

Es kann einem speiübel werden, wenn Nachrichtensprecher und Kommentatoren die unerträglichen Twitter-Flatulenzen eines Donald Trump in die Welt blasen, der seine Raketen mit den Attributen schön, neu und klug beschreibt und Assad und Putin droht, dass sie kommen werden. „Mach dich bereit, Russland…“ – so kündigt dieser psychopathische Präsident in übelster Hooligan-Manier seine Reaktion auf den Giftgasangriff auf syrische Zivilisten an und schickt den US-Flottenverband auf dem Weg ins Mittelmeer.

Während sich die Alliierten auf eine kriegerische Eskalation zwischen Putin, Assad und Trump vorbereiten, berichten unsere Medien über das sich anbahnende Geschehen. Bewaffnet mit Kameras, Videogerätschaften und hungrigen Objektiven übermitteln sie uns gestochen scharfe Bilder, unterstützt durch fachkundige Regieanweisungen vor Ort. Wir dürfen mitfiebern, wie in Syrien Kinder im Sand verrecken, Frauen in Stücke gerissen werden oder Rebellen in Ost-Ghuta filetiert werden.

Es steht zu befürchten, dass im Namen der Humanität die amerikanischen und russischen Raketen nicht mehr lange auf sich warten lassen. Wie sonst wäre zu erklären, dass rund um die Uhr über nichts Anderes als über Syrien berichtet wird. Helden sind entweder gesund oder tot. The show must go on. Der Krieg als politische Börsennotierung. Auf Deutschlands Mattscheiben findet Zynismus in Reinkultur statt und die Sender brauchen Sensationen. Was ist schon ein Unwetterschaden im Vergleich zu einer Schlacht vor den Toren Aleppos?

Immerhin, zum Sonntagsfrühstück gibt es Toast, Orangenmarmelade und Life-Beschuss in den Frühnachrichten. Grellen Explosionsblitzen folgen dumpfe Detonationen, während der Reporter vom Hoteldach aus die Einschläge kommentiert. Ein Feuersturm fegt über unser morgendliches Brunch hinweg. Minutenlanges Röcheln erstickender Menschen – und wir sitzen in der ersten Reihe. Schweinsbraten und Knödel werden hastig aufgetragen, während die hübsche Tageschausprecherin mit sensationsintonierter Stimme die gelungene Bratensauce mit Blut, Angst und Leid verfeinert. Das Inferno brennender Ruinen garniert den Endiviensalat. Der schauerliche Tod als Unterhaltungssendung und Quotenrenner begleitet uns ins verdiente Wochenende. Mal sehen, wie die Sache weitergeht. Vielleicht haben wir Glück, und es gibt am Montag die Fortsetzung mit einer französischen Botschaftssprengung oder ein erfolgsversprechendes Attentat auf den Papst.

Die USA machen Assads Regierung für den mutmaßlichen Angriff auf die von Rebellen kontrollierte Stadt Duma in Ost-Ghuta verantwortlich und haben bereits in den vergangenen Tagen mit militärischen Schritten gedroht. Die Organisation für ein Verbot der Chemiewaffen (OPCW) will schon bald eine zehnköpfige Delegation zur Untersuchung in das Gebiet schicken, obwohl den so genannten Experten bekannt ist, dass sich Chlorgas nach 6 Tagen nicht mehr nachweisen lassen. Aber was soll’s, der TV-Konsument weiß längst, dass er vor der Mattscheibe im Quadrat beschissen wird und Nachrichten nur noch dazu dienen, dass der Chips- und Bierumsatz bei Aldi steigt.

Nebenbei eine Randnotiz, dass die Flugaufsichtsbehörde Eurocontrol vorsichtshalber Warnungen an alle Fluggesellschaften schickt, weil es im Luftraum über Syrien in den nächsten 72 Stunden zu Raketeneinsätzen kommen könnte. Nur gut, dass Assad rechtzeitig informiert wurde, man könnte ja sonst mutmaßen, dass man diesem Massenmörder ans Leder will. Vorsorglich wurde die syrische Armee und ihre Verbündeten im Land in der Nacht zum Dienstag in volle Alarmbereitschaft versetzt. Die syrischen Streitkräfte räumten am Mittwoch die Stützpunkte. Schließlich will man ja beim Syrer keinen großen Sachschaden anrichten, wenn sich Amis und Russen gegenseitig mit Raketen beharken.

Hört man bei uns einen empörten Aufschrei aus den Parteizentralen der SPD, der FDP oder der Grünen? Steht irgendeiner dieser weich gespülten Diäten-Empfänger auf und rüttelt die Gesellschaft auf, appelliert an die Vernunft oder ruft zum Widerstand gegen diesen kriegstreiberischen Irrsinn auf? Dürre Worte unserer Kanzlerin, verschämtes Aufbäumen von links, kaum hörbarer Protest aus den FDP-Reihen, standardisiertes Gestammel allenthalben. Dazwischen ein ARD-Experte, der in der Tonlage eines verhungernden Furzes dem TV-Konsument darlegt, dass alles gar nicht so schlimm ist. Sind wir alle von guten Geistern verlassen, wenn wir sehenden Auges unserer Regierung und somit auch der Kanzlerin nicht die Leviten lesen und schweigen?

Schwenken wir die Kameras zurück auf den islamistischen Widerstandskämpfer, der sich in letzten Krämpfen am Boden windet. Es folgt die Diskussionsrunde mit Politikern und Friedens-Experten. Ernste, sachkundige Physiognomien erklären, der Feind sei Dank einer mit hoher Präzision abgeworfenen Splitterbombe in den Unterleib getroffen und habe geradezu lehrbuchmäßig ins Gras gebissen. Allah al Akba röchelt ein unbeteiligter Muselmane, kippt kollateral gemeuchelt aus den Sandalen und tut den letzten Atemzug. Stündlich neue Schreckensbilder ermöglichen grausiges Schauern auf dem kuscheligen Sofa. Siegerposen beim Gegner, derweil unsere Kinder am Marsriegel kauen und das Massensterben wie ein Computerspiel verfolgen.

Nun kommt auch noch Frau Merkel ins Spiel, die mit Leichenbittermiene dem Volk erklärt, dass man den Giftgasanschlag auf die Syrer verurteile. Die Bundeskanzlerin gab der syrischen Regierung am Mittwoch eine mögliche Verantwortung für den Angriff. „Es gibt schwere Indizien, die in Richtung des syrischen Regimes zeigen. Auf der Grundlage werden dann auch die weiteren Bewertungen durchgeführt werden“, sprachs und trat mit dem Hinweis ab: An Spekulationen über einen Militärschlag wolle sie sich nicht beteiligen. Weshalb aber die Fregatte Hessen im Flottenverband der US-Marine durchs Mittelmeer pflügt, erklärte sie nicht. Vermutlich haben ein paar Urlauber eine Abenteuerreise auf dem Kriegsschiff gebucht.

Wie war das doch gleich in Libyen und dem Irak? Interviews vor Ruinenkulissen. Der Fernsehteilnehmer hat Anspruch darauf, das ganze Ausmaß der Zerstörungskraft einer Rakete zu würdigen, derweil Opa in der Abendzeitung liest, dass Procter & Gamble den Lieferwettbewerb für die Soldaten über 350.000 Rollen Klopapier gewonnen hat und Pepsi mit einer Schiffsladung eisgekühlter Getränke die Soldaten sponsert. Medialer Voyeurismus kennt keine Grenzen. Und das Säbelrasseln kranker Politikerhirne, ob nun in England, Frankreich oder Deutschland garantiert gute Unterhaltung.

Es wird abgelichtet, festgehalten und dokumentiert, was das Zeug hält. Blut, Tränen, Angstschreie, operettenhaft inszeniert, Gefangene, Verwundete und Fliehende in Großaufnahme, verängstigt, verunsichert und taufrisch auf deutsche Bildschirme. Leichtfüßig wird die blutige Berichts-Ethik auf die gleiche schamlose Art überwunden, wie die Russen und Amerikaner Menschenrechte verletzen. Die besten Einschaltquoten haben Sender, in denen am meisten gelitten, gestorben und verwüstet wird und keiner dieser gewählten Regierungsnullen schreit empört auf. Der dritte Weltkrieg ist uns dieser Tage näher als wir ahnen. Und wieder einmal spielt Deutschland eine unrühmliche Rolle.

Experten debattieren über Rechtsverletzungen und Verhältnismäßigkeiten, über Risiken und Vermeidungsstrategien. Hat irgendeiner dieser vernebelten Polit-Hirne begriffen, auf wessen Schultern Kriege ausgetragen werden? Mir ist völlig einerlei, welche Nation Regenten mit eingeschränktem Denkvermögen hat, und weshalb ein Volk so dämlich war, diese arme Figur zu wählen. Aber mir ist es nicht egal, wenn mir politische Psychopathen erklären wollen, dass der Einsatz von Bomben, Panzer, Raketen oder Gift geeignete Maßnahmen sind, Frieden zu stiften. Im Augenblick jedenfalls unterscheiden sich die verantwortlichen Protagonisten der Kriegstreiber kaum vom Terroristen, der eine Diskothek in die Luft sprengt.

Niemand will Krieg, hört man allenthalben, und wenn er schon nicht zu vermeiden ist, dann soll er möglichst schnell beendet werden. Nun ja, für das arme Schwein an der Front kann die Schlacht sehr schnell beendet sein. Ein für alle Mal. Nur die Regierungskaste überlebt. Welch eine Ungerechtigkeit, wenn Idioten davonkommen. Vernichtet wird im Namen der Menschlichkeit. Lippenbekenntnisse? Einhellige Meinung? Nein, es ist zum Kotzen, wenn man die noch unblutigen Wortgefechte zwischen Russland und den USA verfolgt, in denen jeder dem anderen die Welt erklärt. Gegenseitige Schuldzuweisungen haben Hochkonjunktur und treiben uns hemmungslos in einen dritten Weltkrieg. Und alle sehen zu.

Kampfhandlungen werden mit Begriffen wie: Präzise Operation, defensiver Erstschlag, chirurgischer Eingriff oder störungsarmer Geländegewinn verharmlost. Mir stockt der Atem bei solchen Wortschöpfungen. Und im Falle Syrien? Mir scheint, da sieht man lieber dem Meuchelmord Tausender von Syrern zu, als die eigene Wirtschafts- und Politinteressen zu gefährden. Allen voran die USA.

Anmerkungen:

Vorstehender Beitrag von Claudio Michele Mancini wurde unter dem Titel „Der kranke Irrsinn in Syrien“ im Scharfblick am 12.4.2018 erstveröffentlicht.

Anzeige