Der kleine Elefant – “Mammoth” blamiert sich im Berlinale Wettbewerb mit sinnfreier Überlänge

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Filmszene
Berlin (Weltexpress) - Lukas Moodyson schuldet den Berlinalebesuchern knappe zwei Stunden ihres Lebens. Denen, die ein Ticket kauften, noch den teuren Eintritt obendrauf. Sein überlanger “Mammoth” enttäuscht auf der ganzen Linie. Prätentiös, ausgepatscht, mit fragwürdiger Moral sorgt sein Drama für Empörung im Berlinale Wettbewerb. Den Titel sollte man als Warnung auffassen. “Mammoth” ist ein Mammutwerk. Nicht nur in Sachen Filmlänge. Pompös kommt es daher, will den Zuschauer niederstampfen mit vermeintlicher Tiefsinnigkeit. Dabei ist er antiquiert in Inszenierung, verstaubt in der Handlung wie ein Urtierknochen.

Ein Detail am Rande wird zum verräterischen Indiz. Tausende Dollar hat der Füllfederhalter gekostet, den ein Kollege Hauptcharakter Leo schenkt. Besser als ein gewöhnlicher Stift ist das Unikat dennoch nicht. Das protzige Schmuckstück wird am Ende für wenige Dollar verhökert. “Mammoth” ist dem Relikt peinlich ähnlich. Mit großem Budget gemacht, versucht er dem Zuschauer sein Märchen von obskuren Verwicklungen zu erzählen. Doch all dies gab es schon in weit beeindruckenderer Form, in “Short Cuts” oder “Magnolia”. Trotz seiner ermüdenden Länge lässt sich der dünne Inhalt des Dramas knapp zusammenfassen. Leo (Gael Garcia Bernal) ist unkonventioneller Spieledesigner, Ellen (Michelle Williams) engagierte Ärztin. Kein Wunder, dass die zwei Gutmenschen verheiratet sind. Ihre intelligente Tochter Jackie wird von der phillipinischen Kinderfrau Gloria (Sophie Nyweide) betreut. Die schickt ihren Verdienst Heim zu ihrem Sohn Salvatore und dessen kleinem Bruder. Just dorthin führt Leo eine Geschäftsreise. Die formelle Atmosphäre in seinem Luxushotel ist ihm fremd. Er erkundet die Umgebung auf eigene Faces. In einem Club begegnet ihm eine junge Prostituierte. Selbstredend ist Leo zu edel, um ihre Armut auszunutzen. Nur einen Nacht wird er schwach, fährt jedoch reuig Heim zu seiner Familie. Gloria hingegen düst zurück in ihr Herkunftsland. Ihr Sohn wurde Opfer eines Verbrechens, als er auf gefährliche Weise versuchte, Geld zu verdienen. Am ende ist jeder dort, wo er hingehört. “Zu Hause ist es am Schönsten.”, lehrte schon “Der Zauberer von Oz”.

Alles hat einen geheimen Zusammenhang. Menschen, das Universum, Einzelschicksale stehen in Verbindung miteinander. Gottes Wege sind unergründlich, genau wie die der Filmhandlung. Was seine Charaktere fühlen, was sie motiviert und bewegt kann Regisseur Moodyson nicht vermitteln. In Kitsch ergeht er sich, wo Nüchternheit nötig gewesen wäre. Bedeutungsschwer geht es zu, dabei trifft der Schmalz. Anstatt ernsthafte Charaktere zu entwickeln, begnügt sich “Mammoth” mit dem Vorführen eines Ensembles so Hölzern wie die Augsburger Puppenkiste. Selbst Gael Garcia Bernal und die um überzeugende Darstellung bemühte Michelle Williams können an der Tristesse nichts ändern. Der enervierende Popsoundtrack ist die besonders für angestrengte Kritiker eine Strafe. Der am Vortag gezeigte “In the electric Mist” bekleckerte sich ebenfalls nicht mit Ruhm. Morbide Bluesklänge sorgten darin jedoch für Entspannung. Die genoss bei “Mammoth” nur, wer während der öden Handlung einschlief. Von den Wachgebliebenen gab es verdiente Buh-Rufe. Bei der Pressekonferenz ging es turbulent zu. Herausreden konnten sich die wie auf der Anklagebank sitzenden Mitwirkenden nicht. Ihre Antworten auf die Fragen schwankten zwischen verkrampften Erklärungsversuchen und trotziger Rechtfertigung. Woher die Wut auf “Mammoth”? Liefe er nicht im Wettbewerb, käme dem Hollywood-Versatzstück erster Güte die Gleichgültigkeit zu, die es verdient.

So aber setzen sich die Macher in einen Kontext der vermeintlichen Bedeutsamkeit, in den sie nicht gehören. Hinzu kommen die noch frisch im Gedächtnis haftenden Bilder der Tsunamikatastrophe in Asien. Geradezu sadistisch mutet die Berechnung des Werkes an, der Zuschauer werde sich mit der amerikanischen Familie identifizieren. Die verlässt die Gefahrenregion, während die Einwanderin dahin zurückkehrt, wo sie einst herkam. Die überbetonte Thematik des Eltern-Kind-Verhältnisses reduziert das Drama auf simplen Moralismus. Mami gehört Heim zu ihren Kindern, sonst droht denen Gewalt oder Schlimmeres. So viel Hervorragendes sieht man auf der Berlinale. Werke, die in achtzig oder neunzig Minuten mehr Bewegendes, Ausdrucksstarkes packen können, als “Mammoth” in zwei Stunden. Man kann nur hoffen, dass dergleichen Filme aussterben, wie das Titelgebende Urtier.

Titel: Mammoth Berlinale Wettbewerb Wertung: (0) Regie: Lukas Moodyson Darsteller: Gael Garcia Bernal, Michelle Williams, Sophie Nyweide, Tom McCarthy

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