Der Iván kommt! Und natürlich rennen alle. Hin!

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© Foto: Katharina Schulze
Berlin (Weltexpress). Ins Berliner Konzerthaus am Gendarmenmarkt. Wo Iván Fischer seit Beginn der Spielzeit 2012/13 Musikdirektor und Chefdirigent des Konzerthausorchesters ist. Der Ruf eines der weltweit visionärsten und erfolgreichsten Orchesterleiter eilte dem Maestro voraus. Am Gendarmenmarkt lief alles nach Plan. Und mit dem Besuch »seiner« Konzerte dürfte der neue Chef höchst zufrieden sein. Aber ein volles Haus am Abend genügt ihm nicht.

Weil Iván Fischer in seiner Heimatstadt mit dem von ihm 1983 gegründeten Budapest Festival Orchester so mancherlei Ideen getestet hat, kann er in Berlin quasi aus dem Vollen schöpfen. Intendant Sebastian Nordmann und vor allem die Musiker unterstützen ihn nach Kräften.

»Fischer kommt an. Stimmt an. Regt an.« Der Slogan des Konzerthauses trifft es.  Seine Generalproben sind ab sofort öffentlich und vor allem für Leute gedacht, deren Geld nicht für eine Konzertkarte reicht. Solch Angebot  ist nicht ganz neu im Musikleben, in Berlin mit seinen acht professionellen Orchestern aber doch. Erstmals in dieser Spielzeit auch: Mozart-Matineen am Sonntag-Vormittag, Espresso-Konzerte mittwochs zur Mittagsstunde, Junior-Programme am Nachmittag.

Viele Menschen, die oftmals nur zufällig vorbei spazieren oder kommen, um den schönsten Platz der Stadt zu bewundern, bleiben nicht vor dem imposanten Gebäude des Konzerthauses stehen, sondern genießen sozusagen im Vorübergehen eine »Extraportion Klassik«. Und so mancher Zufallsgast fühlt sich zum Wiederkommen eingeladen, nimmt vielleicht sogar gleich ein Billet mit.

All das passt an den Gendarmenmarkt und zur Programmatik des Intendanten, der sein Haus noch weiter öffnen und neues Publikum gewinnen will. Somit könnte Fischers Engagement tatsächlich einen wichtigen Beitrag zur Neupositionierung des Konzerthauses in der Hauptstadt leisten.

Ein im wahren Wortsinn voller Erfolg war der Beethoven-Marathon am 10. November. 7 500 Besucher waren gekommen. Es gab keine Anmeldeformalitäten, Teilnehmerlimits, Startberechtigungen, Dopingkontrollen, Straßensperrungen – nur das Angebot, 12 Stunden mit 235 Musikern und den Werken eines genialen Meisters zu verbringen. Jeder konnte sein ganz individuelles Programm zusammenstellen, sich relativ kurze und vor allem sehr unterschiedliche Stücke anhören: Streichquartette und Bläser-Duette, das Vokalquintett Berlin, das Grauschumacher PianoDuo und eine Stunde vor Mitternacht noch Anette Dasch life. Wer hier ungenannt bleibt, agierte nicht weniger gut.  Es waren im Kleinen Saal bzw. im Werner-Otto-Saal die Orchestermusiker einmal aus allernächster Nähe und als perfekte Solisten zu erleben und zudem deren Vergnügen an dieser Möglichkeit.  Im Musikclub – wo Studenten der Musikhochschule Hanns Eisler nonstop die Klaviersonaten spielten – konnte man den Nachwuchs kennen lernen.

Und es waren die großen Beethoven-Meisterwerke zu genießen, dargeboten von hervorragenden Orchestern und Solisten: Die Kammerakademie Potsdam (Leitung: Antonello Manacoda, Solist: Andreas Staier) mit dem Konzert für Klavier und Orchester Nr. 3 c-Moll op. 37,  mit der Sinfonie Nr. 1 C-Dur op. 21 und der Arie »Ah perfido!« (Solistin Maria Bengtsson, Sopran), die Dresdner Philharmonie (Leitung: Michael Sanderling) mit dem Konzert für Violine und Orchester D-Dur op. 61 (Solistin: Isabelle Faust) sowie die Sinfonie Nr. 8 F-Dur op.93. Das Konzerthausorchester unter Iván Fischer spielte die Sinfonie Nr. 4 B-Dur op. 60 und – Höhepunkt des Tages – die »Siebte«.  Zu jedem Werk gab es ein paar einführende Sätze. Und für Michel Sanderlings persönliche Erklärung – »Diese Form des Marathons ist mir die liebste, man muss nicht lange durch die Welt laufen, kann aber lange genießen.« – gab es einen Extra-Applaus.

Die Organisation war perfekt. Die Kassen allerdings könnten ihr Tempo noch steigern. Womit wir bei den Eintrittspreisen sind: Die Karte für ein Konzert kostete 11,  ermäßigt 8 Euro. Karten für 5 Konzerte gab es zum Preis von vier. (Gelernt von Kaiser’s – dem  Hauptsponsor des Konzerthauses?) Der Eintritt in den Musikclub war frei. Alle Konzerte begannen zur vollen Stunde. Es blieb Zeit für den Wechsel von einem Saal in den anderen – und für einen Schluck oder einen Happen zwischendurch. Die Stimmung steigerte sich zur Begeisterung.

Besonderer Gag des Marathons: Auf dem oberen Podest der Freitreppe vor dem Konzerthaus waren seit Montag zwei Laufbänder installliert – im wetterfesten gläsernen Gehäuse: Dort konnten Musikfreunde mit sportlichem Naturell  bzw. Sportler mit musischem Interesse demonstrieren, was man auch unter dem Begriff »lebendige Klassik« verstehen kann. Über Kopfhörer  konnten sie sich von  Beethovens Musiken angetrieben fühlen.  Und von dem Gedanken, dass sie mit jedem Schritt der Summe näher kamen, die die  Firmen 50hertz und degewo und der Förderverein des Konzerthauses als Spende in Aussicht gestellt hatten. Für jede gelaufene Stunde zahlten die Sponsoren 100 Euro.  Am Sonntag Nachmittag um 15.43 Uhr waren die ersten hundert Stunden erreicht. Der Zähler wurde abgeschaltet. Mehr lief ins Geld! Der Reporter jedoch zählte bis 107. Der  »gedeckelte« Betrag von 10 000 Euro soll an die Klinik für Kinder- und Jugendmedizin des Helios Klinikums Buch überwiesen werden. Guter Zweck: Installation eines Musikprogramms für die kleinen Patienten, das sich der private Konzern sonst nicht leisten würde. Musik bewegt. Vielleicht läuft sich auch die Konzernleitung warm.

Gewiß ist schon heute: Im Konzerthaus am Gendarmenmarkt wird es im nächsten Jahr eine Wiederholung des Marathons geben – und ein weiterer Komponist derart geehrt werden. Da Iván Fischer und seinen Mitstreitern aber laufend etwas einfällt, können wir uns schon heute auf ein Musikwoche im Februar mit dem Länderschwerpunkt Rußland und auf ein Musikfest im Juni freuen, das unter dem Motto stehen wird »Rund um den Gendarmenmarkt und seine Geschichte«.
Offensichtlich wird da gerade ein ganz neues Kapitel geschrieben.

Termine, Ticket und Informationen unter www.konzerthaus.de/programm

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