Der Fluch der Erblast – Über die transgenerationelle Weitergabe (Tradierung) des Neides

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© 2016 Münzenberg Medien, Foto: Stefan Pribnow

Frankfurt am Main, Deutschland (Weltexpress). Der Erblast trifft nicht nur im Sozialisationsprozess eine einzelne Person, sondern geht über sie hinaus und trifft die Vorfahren, Ahnen und Eltern, in etwa genau derselben Weise. Es ist wie ein Fluch. Das ist auch kein Wunder, da der Mensch in der frühen Kindheit durch Erfahrungen und Erleben die Verschaltung und Vernetzung der Neurone im Gehirn stattfindet und dadurch die Mechanismen und Automatismen fest gelegt werden. Ja sogar nach den Forschungen der Epigenetik zufolge werden die Gene in der frühen Kindheit verändert, indem sie sozusagen an- oder abgeschaltet werden.

Unter belastenden traumatischen Kindheitsbedingungen und belastenden Erfahrungen wird so für Eltern und Kinder das Leben zu einer einzigen Last, zu einem Schmerz und zu einer Krankheit, der sich niemand aus der Umgebung und der Familie entziehen kann. Deswegen suchen die Mediziner vermehrt alles Krankheitsgeschehen in den Genen, in der Annahme, dass der Mensch durch die Gene festgelegt ist. Natürlich hat der Mensch innerhalb seiner Gene und seines Sozialisationsprozesses noch einen Spielraum, der aber bei entsprechend traumatischen Bedingungen erheblich eingegrenzt und auf die untere Ebene verschoben wird. Aber was hat – bitteschön! – dabei der Neid zu suchen? Inwieweit der Neid dabei eine zentrale Rolle spielt, möchte ich in diesem Artikel darstellen.

Neid ist an sich eine positive Eigenschaft. Der andere hat eine Vorbildfunktion und hat etwas, was ich nicht habe, aber haben möchte und, worum ich ihn beneide. Dieser ist also ein Vorbild für mich. Wenn ich mir jedoch als Folge der frühkindlichen Traumata vorstelle, dass es unerreichbar für mich ist, dann schlägt der Neid ins Gegenteil, in Missgunst um. Die Missgunst betrifft das, was der andere hat und will es ihm wegnehmen oder gar zerstören, ja sogar unter Umständen die ganze Person zerstören. Eine Mutter, die sich in ihrem Leben und in ihrem Haushalt herum quält, etwa eine depressive oder zwanghafte Mutter, wird es ihrem Kind kaum gönnen, dass es lebhaft und fröhlich ist. Das passt sozusagen nicht zu ihr und in die Familie hinein. Ihr wird sofort etwas einfallen, was zulasten des Kindes geht, etwa was noch zu tun sei, die Hausaufgaben usw. oder wird fürchten, was die Nachbarn oder die Leute sagen. Sie hat zu sozusagen die Schmach und Schande verinnerlicht. Dann wird die Last der Mutter zur Last des Kindes und die Krankheit der Mutter wird zur Krankheit des Kindes. Die Ängste und Phobien der Mutter übertragen sich ebenfalls. Das Kind wird genauso ängstlich wie ihre Mutter, es sei denn, es sind positive Faktoren in anderen Personen da.

Deswegen ist das Umfeld, besonders ein Vater so wichtig, der der Mutter Paroli bietet. Dann ist er wie ein Erlöser aus der Gemeinsamkeit und der Umklammerung mit der Mutter. Die Erlösungsmythen spielen in der traumatisierten Familie und traumatisierten Gesellschaft eine große Rolle, etwa Dornröschen, Schneewittchen oder Aschenputtel, wo ein Mann, ein Prinz die Frau aus dem Unglück heraus führt und errettet. Der Mann kann sogar göttliche Züge annehmen oder sogar ein Gott sein. Die religiöse Verklärung eines Gottes oder mehrer Götter, das symbolisiert die Großfamilie, ist in allen Kulturen verbreitet. Wenn der Vater aber etwa genauso ängstlich, sorgenvoll und depressiv ist und mit der Mutter übereinstimmt, hat das Kind schlechte Karten und wird doppelt umklammert. Auch ist ein weiterer Grund die Vermeidung des Streites. Er will sich nicht mit der Mutter herum streiten und dadurch dem Kind und der ganzen Familie das Leben vermiesen, oder gerade vermiesen.

Beim Neid liegt der Vergleich, eine Nähe und Gemeinsamkeit zu Grunde. Die Eltern vergleichen sich mit ihren Kindern, die Geschwister untereinander, die Altersgenossen, die Familien und das Dorf, die Reichen untereinander und mit den Armen, sogar die Völker untereinander. Die Folge ist das Gerechtigkeitsempfinden, Gleichheit und Gerechtigkeit. Wenn da Missverhältnisse auftreten bis zur Groteskerie, dann tritt Neid und Missgunst auf, es sei denn, der arme Vasalle identifiziert sich mit dem König und ist stolz auf ihn wie über sich selbst. Das setzt aber eine gehörige Portion von Eigenstolz voraus, und er darf nicht in traumatisierden Verhältnissen aufgewachsen sein.

Schauen wir uns in anderen Kulturen um. Die indischen Schwiegermütter werden von ihren Schwiegertöchtern im allgemeinen gefürchtet und sind berüchtigt. Die Töchter sollen es auch nicht besser haben als sie, denen es ähnlich erging. Im afrikanischen Raum, wo die weibliche Beschneidung oder Sexualverstümmelung seit Jahrhunderten verbreitet ist, geht dies traditionell von den Müttern aus. Sie sind ebenfalls beschnitten und gönnen ihren Töchtern nicht ein besseres und lustvolleres Leben ohne Beschneidung. Bei den Muslimen, etwa im arabischen Raum, ist das Kopftuch oder die Vollverschleierung üblich. Die Gemeinsamkeit ist, dass die Mütter und die Töchter die Blicke der Männer fürchten. Ich halte das für eine Projektion des häufigen sexuellen Missbrauchs in muslimischen Familien, von den Vätern, den Brüdern und den Onkeln an den Töchtern, der tief im Männlichkeitswahn verankert ist. Das wird natürlich von den Muslimen nicht so gesehen.

In allen Fällen ist Missgunst das zentrale Motiv und ist tief in diesen Traditionen verankert. Dies steht im Gegensatz dazu, dass Eltern immer das Beste für ihre Kinder sich wünschen. In dem Zwiespalt oder in der Ambivalenz zwischen besten Wünschen und Missgunst wären die Eltern zerbrochen. Und das ist auch tatsächlich das Bessere, denn ohne die Verhüllung oder die Beschneidung wären die muslimischen Frauen eine Schande für die Familie. Also ist die Verhüllung das kleinere Übel gegenüber einer tiefgehenden Schande. Die Tradition der Schande hat gegenüber einem besseren Leben Vorrang. Dadurch wird natürlich die Tradition der Schande fortgesetzt.

Wenn wir uns in unserer Kultur umschauen, kommen wir nicht an der Tatsache vorbei, dass die Erziehung und Prägung im 19. und 20. Jahrhundert traumatisierend ist und so ihre Folgen hat. Nämlich in den meist gelesenen pädagogischen Bücher vertrat der Orthopäde Schreber, der auch die Schrebergärten und Apparate zur aufrechten, geraden Haltung erfunden hat, geradezu Folterinstrumente, die These, „der Wille des Kindes, das heißt der Trotz, ist um jeden Preis zu brechen“. Ja sie wurden sogar geprägt, zu wollen, was sie sollen, und der Trotz, der dadurch gezüchtet wurde, wurde umso mehr auf einer tieferen Ebene verschoben. Gebrochene Eltern prägten daraufhin gebrochene Kinder, da die Kinder sich mit ihren Eltern identifizierten, d.h. ihnen glaubten. Kinder glauben immer irgendwo ihren Eltern, und wenn sie noch so sehr trotzig widersprechen, da die Eltern die Definitionshoheit besitzen. Wenn die Eltern die Kinder nicht brechen würden, würden sie an ihrem eigenen Neid zerbrechen. Da die Eltern sich durch Verinnerlichung innerlich in den Kindern befinden, werden die Aggressionen zu Autoaggressionen.

Um nicht an diesen Aggressionen zu zerbrechen und zugrunde zu gehen, müssen sie nach außen projiziert und an Sündenböcken festgemacht werden. Dann ging die Mehrheit des Volkes auf Minderheiten los, die sich wie von selbst anboten, vor allem wenn sie sie beneideten. Darin sehe ich die Haupthintergründe in den Massenmord an den Juden, in dem noch Neid und Gewinnsucht eine besondere Rolle spielen, psychisch Kranken, Homosexuellen und Zigeunern.

Die Juden beneideten die Nazis wegen ihres Einflusses, ihrer Bildung und Geldes, das sie unter sich aufteilten. Vor allem die waren besonders motiviert, die aufgrund der Wirtschaftskrise wenig hatten und die in allen Situationen oben schwimmen. Die Psychisch Kranken beneideten sie wegen ihres unkonventionellen und anormalen Verhaltens, das hätten sie gerne manchmal auch gemacht, aber es war ihnen nicht erlaubt. Sie sahen dabei nicht, welche Not dahinter steckte. Beispielsweise hatte ich einmal einen schizophrenen Mann, der bei seinem Elternhaus das Dach abdeckte, um den Mief von Generationen herauszulassen, wie er selbst sagte. Der Mief bedeutete Zerstrittenheit, Scham und Schande, Wut und Angst.

Jeder Mann hat einen Hang zum gleichen Geschlecht. Zwar ist das Bisexuelle bei den meisten subtil und verdrängt. Aber er ist zur Heterosexualität erzogen und geprägt unter Androhung der schlimmsten Strafen, wenn er sich dem anderen Geschlecht zuwendet, und dass es eine Schande ist, offen homosexuell zu sein. Dabei fürchtet er seine eigenen Wünsche und hat eine Homosexuellenphobie, die er als Wut auf die Schwulen nach außen projiziert. Die Identifikation geht sogar so weit, dass ein Vater, der einen homosexuellen Sohn hat, sich selbst wie in den Arsch gefickt vorkommt. Somit ist es eine Schande für ihn wie für den Sohn. Die Zigeuner beneidet er wegen ihrer bunten unkonventionellen Verhaltens und der herum fahrenden Zigeunerei, der anscheinenden Freiheit. Das würden in ihren kleinbürgerlichen Verhältnissen auch viele gerne tun. Deswegen werden die Zigeuner schon seit Jahrhunderten in eine Außenseiterposition gedrängt und verfolgt. Aufrechten deutschen Männern, so Schreber, ist das alles so nicht erlaubt.

Wir sehen also, dass hinter dem Neid ein Begehren und eine Bewunderung steckt. Ja umso mehr Neid und Missgunst besteht, umso mehr muss die Bewunderung dahinter gesehen werden. Wer das durchschaut, der es nicht mehr anfällig für Neid und Missgunst. Aber aufgrund der Erziehung können Sie sich das nicht eingestehen und müssen die jeweiligen Randgruppen zu Sündenböcken machen.

Wie kommt die traumatisierende Erziehung und Prägung in uns hinein, die sich über Generationen fortsetzt? Ich nehme an durch schlimme Erfahrungen in Kriegen, Vergewaltigungen, Katastrophen und Umweltzerstörungen. In solch einer Situation ist es dem Kind nicht erlaubt, sich frei zu verhalten. Es würde sich selbst gefährden, und die Erwachsenen müssen für Wohlverhalten sorgen. Dieser Prozess ist tief in den Volksglauben eingefahren, hat sich verselbstständigt und ist automatisiert. Er schafft aber eine unheimliche Dimension von Neid, Missgunst, Wut und Trotz, wobei im Trotz ich mich gegen meine eigene Überzeugung wehre, weil ich sie verinnerlicht habe, und das alles wird zu einer Autoaggression.

Der Erblast sei wie ein Fluch, darauf kam der langjährige Patient, den ich schon in mehreren Artikeln erwähnt habe. Er ist das Kind eines 25 jährigen Lehrers und seiner 17 jährigen Schülerin. Das war für die Familie eine Schande, die er selbst für seine Eltern auszugleichen und wieder gut zu machen hatte. Er musste sozusagen seit frühester Kindheit Wohlverhalten zeigen, brav sein, nicht lebhaft und vorlaut sein, weil ansonsten die Mutter ein schmerzhaftes Gesicht bekam, und er sich an ihren Schmerzen schuldig fühlte. Er konnte also nicht ein normaler Junge sein. Am meisten fürchtete er die Missgunst der Mutter, die er sich jedoch erst Jahrzehnte später klar machte. Geborgen fühlte er sich noch am meisten bei der Oma, die aber über die bösen Männer her zog. Diese seien alle Säufer und Vergewaltiger, so einer dürfe er nicht sein. Also wurde seine Männlichkeit unterdrückt. Der Vater bekämpfte ihn, redete nur zwanghaft vom Zusammenreißen und wandte sich der Ornithologie zu. (Ein Schelm, der etwas Böses denkt.)

Später, als die Mutter merkte, dass er sich nicht normal verhielt und an die Mädchen nicht heran traute, kritisierte sie ihn deswegen. Er verstand die Welt nicht mehr, und sie war für ihn auf den Kopf gestellt. Waren doch nicht alle Männer böse, nur er nicht? Seine Aggressionen und Autoaggressionen verbarg er in Depressionen, Verkrampfungen und Schmerzen. Zu einem latenten Größenbild hatte geführt, dass er, der kleine Junge die große Mutter und den großen Vater durch sein Verhalten in der Hand hatte und diese vor seinem Verhalten zitterten. Dann zitterte er. Dies Größenbild ist für ihn besonders schwer anzugehen und sich klar zu machen, weil er dann sämtliche Macht verliert, und es von Zittern begleitet ist. Noch heute, wenn sich eine Frau am Bildschirm vor ihm auszieht, denkt er, das geht doch nicht, das kann die doch nicht machen. Pädophile Phantasien hatte er ebenfalls, aber ansonsten ist er ein ganz braver Mann, jedoch halb kastriert durch seine latente Angst und Wut.

Wenn er einmal etwas sagte, hieß es gleich „das bildest du dir nur ein“, und dann glaubte er, er sei ein Spinner und konnte nicht mehr seine eigene Wahrnehmung realisieren und seine Identität finden. Im Hintergrund drohte jedoch immer eine Kälte, Wut und Leere, die er in der Mutter sah, wenn er von der Großmutter zurück kam. Insofern ist dies eine Rivalität zwischen Großmutter und Mutter um den Einfluss über das Kind. Als er später mal mit einer Frau bei seinen Eltern war, traf er nur aus Kälte. Wenn er jetzt mit einer Frau ankommt, das passt nicht rein, und er durfte nicht mit einer Frau auftauchen, da er sonst fürchtet, seine Mutter zu verlieren. Diese Tatsache musste er am meisten verdrängen und verleugnen, und sie bereitete ihm Verspannung und Schmerzen. Die Rivalität zwischen Mutter und Großmutter, aber auch zwischen den Eltern untereinander und den Neid, habe ich schon öfter unter Patienten gefunden, wenn etwa die Mutter das Kind bei der Großmutter lassen muss, um arbeiten zu gehen. Dieser Neid wird traditionell vererbt.

Aktuell ist Fremdenhass, -feindlichkeit und –angst durch Pegida und der AfD in aller Munde. Das Fremde und gleichzeitig so Vertraute ist durch die transgenerationelle Prägung in uns allen, wobei sich auf das Vertraute allein bezogen wird, dies beibehalten werden soll und das Fremde draußen gehalten werden soll. Am liebsten würden sie überall Zäune errichten. Dass in Mecklenburg-Vorpommern, wo es kaum Flüchtlinge gibt, die AfD besonders stark ist, spricht von der Macht der Bilder oder Phantasien, die sie sich über die Flüchtlinge machen. Diese Bilder entspringen 1. der transkulturellen Prägung, 2. der eigenen Situation innerhalb des Neoliberalismus, wo die Schere zwischen arm und reich immer weiter auseinander klafft, 3. dem Zustand des Abgehängtseins, und 4. der Angst bei all den schlimmen Nachrichten in den Medien über Kriege und Umweltzerstörung vor einer weiteren Flut von Flüchtlingen. Dabei geht alle Weltoffenheit verloren und die Sichtweise, welche Chancen durch kulturelle Vielfalt und gegenseitige Befruchtung uns die Flüchtlinge eröffnen. Weiter wird die Situation der Flüchtlinge verkannt. Sie haben ihre guten Gründe zu fliehen. Sämtliche Empathie geht verloren. Aber hat in der Kindheit jemand für sie Empathie gehabt? Wenn ja, dann sind sie auch nicht so voller Hass und Angst. Der Neid spielt ebenfalls eine große Rolle, die Phantasie, dass den Flüchtlingen die Fördergelder in den Arsch geschoben werden, während der Harz-IV-Empfänger wiederum leer ausgeht. Der Neoliberalismus und Kapitalismus schafft sich also seinen eigenen Fremdenhass.

Dazu schreibe ich einen neuen Artikel.

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