„Der Baum steht schief“ – Vollsperrung der Konstanzer Straße in Berlin Richtung meistbefahrener Straße Deutschlands (A100) wegen Fällung von Baum 59

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Herbststurmschäden
„Der Baum steht schief.“ Vollsperrung der Konstanzer Straße Richtung meistbefahrener Straße Deutschlands (A100) wegen Fällung von Baum 59. © 2017. Foto/BU: Andreas Hagemoser,

Berlin, Deutschland (Weltexpress). Punkt 12.30 Uhr am 1.11. war es soweit: Die Konstanzer Straße in Berlin war Richtung Süden ab Ruhrstraße bis Mansfelder Straße gesperrt. Baum Nummer 59 auf der Westseite des Konstanzer Straße in der Nähe von Hausnummer 27 stand schief und sollte gefällt werden. Sobald gesperrt war, ging es los: Fällung!

Eine Viertelstunde später wurden die zwei Fahrspuren der Konstanzer Richtung Kurfürstendamm und Innenstadt auf eine verengt, als der Baumfäller in der Krone angelangt war. Um 12.48 fällt der letzte blättertragende Ast. Danach lässt der Baumfäller im Hubkorb nichts mehr auf die Straße fallen. Der Stamm mit einer Zwille blieb vorübergehend stehen. Meterlange Stücke trennt er Arbeiter ab, stellt sie in den Korb oder legt sie quer über das Geländer. Nach kurzer Zeit lässt sich der Baumfäller herab. Fällen beendet?

Nein, der Korb ist voll. Nach der Leerung geht es wieder hinauf zum Stamm der einst stolzen Platane. Wieder trennt er mit knatternder, kohlendioxidversprühender Säge nicht kamingerechte Stücke ab. Aus der Zwille ist ein langer Finger geworden.

Wie ein gestreckter Mittelfinger. Das letzte Wort der Platane 59?

Der Rest ist vorhersehbar. Ich kann das Ende nicht mit ansehen.

Mein Freund, der Baum ist tot.

„Das Bild hängt schief…“

Damit es nicht wie bei Vicco von Bülow katastrophal endet, sind Bürger und Grünflächenamt auf der Hut.
Loriot hat Platz auf dem Fernsehbildschirm, auf Videos und DVDs und auf Briefmarken. Im Straßenverkehr ist dafür kein Platz für die Geschichte, die mit dem Satz „ … das Bild hängt schief“ endet.

Alles läuft wie am Schnürchen

Die Demokratie funktioniert. Ein Bürger bemerkt die Schiefstellung des Straßenbaumes und meldet sie.

Wegen der Brücken- und Feiertages wird gleich am 1.11. gehandelt. Am Mittwoch; es stürmte am Samstag und vor allem am Sonntag.

Ein Glück für die Autofahrer, dass Allerheiligen im Land Berlin kein Feiertag ist, sondern nur der Reformationstag (und auch der nur ausnahmsweise).

So einen Stamm will niemand vor der Stoßstange haben.

So einen Baum will niemand auf dem Kotflügel haben. So ein hoher und großer Baum ist schlimmer als Wild, wenn er im Fahrweg ist.

Die Windschutzscheibe schützt vor Wind. Und Insekten.

Ein Ast ist keine Katze, die auf die Füße fällt; Aerodynamik und Gewicht sprechen dafür, dass ein Ast mit dem schweren Ende niedergeht. Im Fernsehkrimi hieße es: Erschlagen mit einem stumpfen Gegenstand. Eine Scheibe hält dem nicht stand.

Bäume sind schwer. Platanen besonders.

Alle lieben die Bäume, solange sie stehen. Niemand möchte im Weg sein, wenn sie fallen.

Exkurs: Aus den Fehlern der anderen lernen

Beim vorigen Sturm mit orkanartigen Böen, „Xavier“, bezahlte eine Frau in Tegel in ihrem Auto mit dem Leben. Sie hatte zwischen Greenwichpromenade und Fußgängerzone geparkt.

In Brandenburg starben bereits mehrfach Menschen, die einen abgebrochenen Ast wegräumten. Mit dem Auto angehalten, ein gutes Werk getan – mit dem Leben bezahlt, als der nächste Ast heruntersauste. In Osteuropa gibt es ein Sprichwort: ‚Keine gute Tat bleibt unbestraft.‘

Warum macht das nicht das Grünflächenamt?

Eine Baumkolonne des Grünflächenamts von Charlottenburg-Wilmersdorf arbeitet fast zeitgleich am Hochmeisterplatz, weniger als einen Kilometer entfernt. Eine Baumkolonne? Es gibt nur noch eine im Bezirk Charlottenburg-Wilmersdorf, also sollte man richtigerweise „die Baumkolonne“ sagen.

Von knapp 30 Mitarbeitern sind nur noch ein gutes Dutzend übrig. Von 3 Fahrzeugen mit Hubkran ist nur noch eines übrig. Nicht genug in Situationen wie dieser.

In ganz Berlin liegen und hängen noch kaputte Äste und Bäume herum, bis sie alle mundgerecht zersägt sein werden, wird Zeit ins Land ziehen. Ohne private Unternehmen hätte dieser Ausnahmezustand und seine Folgen nicht bewältigt werden können.

Die letzte Baumkolonne

Andererseits ist die Personalknappheit eine Folge jahrelanger Sparpolitik. Was Flughafen BER verschwendet wird an hunderten Millionen, muss andernorts wieder hereingeholt werden.

In den Bürgerämtern werden zwar jetzt Leute eingestellt. Doch gibt es gar nicht genug passende Bewerber. Bis im Grünflächenamt genug Stellen wiederbesetzt werden, kann ein Jahrzehnt vergehen.

Das Ende der Fluggesellschaft Air Berlin könnte für Entlastung sorgen, doch zunächst nur in der Verwaltung.

Gefahr im Verzug

Niemand hätte sagen können, wie lange der Baum an der Konstanzer Straße noch halbswegs aufrecht gestanden hätte, ein Jahr? Bis zum nähsten Sturm? Monate, Wochen, Stunden?

Eine Verzögerung der Beseitigung hätte viele Menschenleben gefährden können. Selbst wenn der Baum, der im 90°-Winkel zur Fahrtrichtung gefallen wäre, direkt keine Fahrzeuge getroffen hätte, wäre es aller Wahrscheinlichkeit nach zu einer Serie von Auffahrunfällen gekommen – wie bei einem Stauende, nur noch unerwarteter.

Diesmal ging alles gut

Ein Bürger bemerkte also den schiefen Stand der Platane. Vermutlich ein Anwohner. Sehr aufmerksam, denn die kleine Rissstelle am Pflaster neben der Baumscheibe ist erstens unauffällig und zweitens laubbedeckt. Drittens gehen heute viele, wenn nicht die meisten Passanten, wenn sie die Zeichen überhaupt verstünden, regungslos vorbei. Wenn sie überhaupt etwas von der Umgebung mitkriegen und nicht auf das Smartphone starren.

Die Schiefstellung des mehrere Stcokwerke hohen Baumes wird den Ausschlag gegeben haben.

Am Mittwoch reagierte das Grünflächenamt. Eine Mitarbeiterin vor Ort konnte die Standunsicherheit und Fallgefahr bestätigen und dokumentieren. Sie kontaktierte das Ordnungsamt, das fünf Autos abschleppte. Eine private Baumfirma wurde bestellt und rückte mit 3 Mann an.

Polizei und Ordnungsamt

Vor der Fällung musste erst die Straße gesperrt werden. Das ist Sache der Polizei, das Ordnungsamt, dessen Wache in der Nähe ist, hat nicht die Kompetenz. Also warten.

Die aufmerksame Grünflächenamtsmitarbeiterin bemekrt auf der anderen Straßenseite der Konstanzer, auf der Ostseite, einen langen, hängenden, im Wind taumelnden Ast. Dieser wird umgehend entfernt. Das geht ohne Motor mit dem passenden Langwerkzeug.

Wieder eine Gefahrenquelle beseitigt!

Streifenwagen in Aktion

Dann kommt die Polizei. Der Beamte ist allein mit seinem Funkwagen. „Dann sperren wir die Straße, das ist ja kein Problem“, so in etwa äußert sich der Polizist, steigt in den Wagen, setzt mit Blaulicht zurück und blockiert querstehend den südwärts fließenden Fahrzeugstrom der durch einen Mittelstreifen geteilten 6spurigen Fahrbahn.

Nun rangiert der Lkw mit Häcksler-Anhänger rückwärts in die Nähe der erwarteten Fallstelle der Äste. Der zweite Wagen mit dem Hubkorb tritt in Aktion. Ein Baumfäller oben, zwei räumen auf und sichern unten. Die Vertreterin des Grünflächenamts sorgt für die Sicherheit auf dem Bürgersteig.

Ende des Baumes von Ast bis Zweig

Ast um Ast und Zweig um Zweig fallen, während sich der Hubkorb immer weiter in die Lüfte erhebt.
Was dann passiert, ist bekannt.

Am Ende bleibt die Frage, ob am Nachmittag, wenn wieder der Berufsverkehr tost und Berlin auf die Autobahnen will, überhaupt noch jemand merkt, dass hier ein riesiger Baum fehlt.

20 Meter, die fehlen

Die Pflanze ist geschätzt über 20 Meter hoch. Die Berliner Traufhöhe ist 22 Meter, viele Bäume sind überragend.

Wann kommt Ersatz?

Schon im September, vor Xavier und Herwart, fehlten hunderte Straßenbäume in Berlin. Teilweise waren Spendenboxen aufgestellt und es gibt ein Spendenkonto für Straßenbäume. Vater Staat will das in Berlin nicht mehr leisten, zu hohe Sozialausgaben.

Nun fehlen weitere zig Bäume. Vor Neupflanzung müssen auch die Stümpfe entfernt werden.

Das kann noch Monate und Jahre dauern, wann hier ein Baum das Sonnenlicht wieder verdunkeln wird, steht in den Sternen die jetzt mancherorts auch im Sommer wieder vom Bürgersteig aus sichtbar sein werden. Not-Kahlschlag sei Dank.-

Die Leute haben keinen Plan mehr

Als es noch Falkpläne gab, die manche so aussprachen, als ob sie Faltpläne meinten, war die Konstanzer als gelbe Straße eingezeichnet, eine sehr vielbefahrene, wichtige Hauptverkehrsstraße.

Heute gibt es andere Farben auf der Karte, jeder hält sein Handy fest, als ginge es ums Leben und kaum jemand benützt Stadtpläne. Schon gar nicht die großen, gefalteten, die man Ausklappen kann.
Ob das an den immer häufiger werdenden Stürmen liegt?

Zwiespalt

Dieser Baum musste weg. War eine Gefahr für die Menschen, denen er Tag und Nacht Sauerstoff lieferte.

Der Baum hätte Autos zerquetschen können oder Menschen erschlagen.
Aber nur als letzte Handlung.

Sein Wurzelwerk hatte wenig Platz, die Hälfte der Einzugsfläche zuasphaltiert. Die Baumscheibe ist klein, zum benachbarten Garten hin wird er versucht haben zu wurzeln.

Er war hier verwurzelt, aber nicht so stark wie es hätte sein können.

Ob er jemals gedacht hat: „Ich bin ein Berliner“?

Umzug kam nicht infrage.
Urlaub machte er zu Hause. Laub auch.

Abgesang

Mein Freund, der Baum ist tot;
Er starb zur Mittagszeit.
Zum Ku‘damm war‘s nicht weit,
jetzt liegt er Scheit für Scheit.

Seit Blut ist nicht so rot,
dass auch nur ein Mensch weint.
Und wie es scheint … –
geht das Leben weiter.

Der Verkehr fließt,
der Regen gießt,
Paradies schließt.

Geht es wirklich so weiter?

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