Celler Bier und sprechende Laternen

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© WELTEXPRESS, Foto: Elke Backert
Celle (Weltexpress) - „Celler Bier...das gönn`ich mir”¦“ Wer, der nicht gerade in Celle und Umgebung wohnt, hat schon mal etwas von Celler Bier gehört? Und doch gibt es die Marke seit 1898, aber eben nur in der niedersächsischen Residenzstadt. Selbst für Biertrinker ist das sicher kein Anlass, in das „südliche Tor zur Lüneburger Heide“ zu reisen, obwohl das Hopfengebräu wirklich gut trinkbar ist. Und doch gibt es Gründe, der Kreisstadt im Norden Deutschlands zwischen Hannover und Hamburg einen Besuch abzustatten, zumal die britischen Streitkräfte Anfang Juli 2012 ihre Garnison für immer verlassen haben.

Etwa 450 aufwendig restaurierte und denkmalgeschützte Fachwerkhäuser bilden das größte geschlossene Ensemble in Deutschland. Die ältesten Giebelhäuser – das heißt, der Giebel zeigt zur Straße – stammen aus dem ausgehenden 15. Jahrhundert. Dazwischen mischen sich Traufenhäuser mit Zwerchgiebeln oder Dachgauben aus dem 17. und 18. Jahrhundert – der Giebel steht quer oder parallel zur Straße. Als eines der prächtigsten Fachwerkhäuser gilt das Hoppener Haus in der Poststraße/Ecke Rundestraße mit reich bemalten vorkragenden sechs Geschossen, „Erbaut für Simon Hoppener Anno Domini 1532“. Setzschwellen, Ständer und Fußwinkelhölzer zeigen reiche Figurenornamentik, neben Standespersonen Planetengötter, diabolische und närrische Gestalten, Fabelwesen, Fratzen, Reptilien…

© WELTEXPRESS, Foto: Elke BackertAb 1600 erhielten manche Häuser vorspringende Erker oder bis zum Boden reichende sogenannte „Utluchten“, um mehr Licht ins Hausinnere zu lassen. Auffällig sind die vielfach und vielfältig angebrachten Schnitzereien und Inschriften. Da liest man dann: „Die Zeit, ob gut ob schlecht, sorg, daß der Balken waagerecht“, doch allzu viele Balken sind schief, aber heutzutage um so schöner anzuschauen.
Bei einer Inschrift hat sich der Künstler „einen Schnitzer erlaubt“ – im wahrsten Sinne des Wortes. Bei Friedrich, dem Herzog von Braunschweig, vergaß er das d, so dass es jetzt lustig heißt: „Von Gottes Gnaden frier ich – statt Friedrich – Herzog von Braunschweig“. Solche „Schnitzer“ kann man suchen und – finden.
Makellos und in weißer Schönheit zeigt sich das Alte Rathaus mit dem Ratskeller, ein eindrucksvolles Zeugnis der Herzogen-Herrschaft. Im 14. und 16. Jahrhundert ausgebaut und reich verziert, gilt der Nordgiebel als Meisterwerk der Weserrenaissance, anno 1534. Kaum jemand geht vorbei, ohne die Fassade anzufassen. Sie besteht nämlich aus einer Illusionsmalerei. Man glaubt, das Haus sei aus spitzen Quadern erbaut, strahlend weiß wie Diamanten, weshalb diese Illusionsmalerei auch Diamantquader-Malerei genannt wird. Und dann stellt man fast enttäuscht fest, die Steine sind glatt, haben keine Spitzen. Zwei Besonderheiten gibt es noch zu entdecken: der damalige eitle Bürgermeister ließ sein Konterfei am Eingang zum Ratskeller in Stein meißeln und eine Elle anbringen mit dem Spruch: Ein ehrlich Bürger hier ermißt / was eine Elle wirklich ist. Super Idee, schon damals. Eine weitere Besonderheit sind die gotischen Kreuzrippengewölbe im historischen Ratskeller von 1378.
Ein zweites „Altes Rathaus“ fällt lediglich durch zwei davorstehende Pranger auf, golden bepinselt „anno 1786“ und knallrot bemalt.

© WELTEXPRESS, Foto: Elke BackertEine Stadt, die ein Schloss besitzt, zieht immer Besucher an, zumal sie Schlossführungen in historischen Kostümen anbietet und auch solche für Kinder. Mit Perücke und kräftig gepudert führen Madame und Monsieur die Neugierigen – in Schlurfpantoffeln – durch die herzoglichen Gemächer mit dem fürstlichen Mobiliar.
Von Bedeutung ist die über und über bemalte Schlosskapelle, ist sie doch die einzige völlig unversehrt erhaltene frühprotestantische Hofkapelle in Deutschland und ein schönes Beispiel für norddeutsche Renaissance.
Wem ein Blick auf das hochherrschaftliche Schloss von außen genügt – und da gibt es viele Blickwinkel -, hat dennoch die Möglichkeit, das eine oder andere Histörchen rund um die ehemalige Residenz und ihre blaublütigen Bewohner zu hören. Denn in der Altstadt haben sich fünf talentierte Laternen zu einer Familie zusammengetan, um spannende, lustige und informative Geschichten rund um das Celler Stadtleben zu erzählen. Aber erst wenn sich ein Passant in die Mitte der Fünfer-Gruppe stellt, werden die Laternen zum Leben erweckt und aktiv. Am Abend trällern sie ein kleines Gute-Nacht-Lied. Die Oma der Laternenfamilie heißt Lilo, und Lilo Wanders, die in Celle das Licht der Welt erblickte, ist es auch, deren Stimme die Passanten hören.
Zu hören und zu sehen gibt es auch das Celler Glockenspiel mit 16 Bronzeglocken, und das dreimal täglich, um 11, 13 und um 17 Uhr! Dabei treten fünf hölzerne Figuren aus dem Umlaufkasten, die historische Persönlichkeiten der Welfenstadt darstellen sollen.

© WELTEXPRESS, Foto: Elke BackertKunstinteressierte wird das Kunstmuseum Celle anziehen, und auch Kunstbanausen werden sich des Nachts von diesem Haus angezogen fühlen. Es ist das erste 24-Stunden-Kunstmuseum der Welt. Morgens, mittags, abends und nachts begegnet dem Besucher moderne und zeitgenössische Kunst aus der Sammlung Robert Simon.
24-Stunden-Kunstmuseum heißt, dass es rund um die Uhr etwas zu entdecken gibt: tagsüber – ganz klassisch im Innenraum – Malerei, Grafik, Skulptur, Licht- und Objektkunst. Nachts ist das Museum geschlossen, aber dennoch einen Besuch wert. An und hinter der gläsernen Fassade übernimmt die Lichtkunst die Regie und lässt das Haus nach außen strahlen. Wer alles sehen will, kommt zweimal: am Tag und bei Nacht.
Angeschlossen ist das Bomann-Museum, eine Art Heimatmuseum, und es wird garantiert jedem gefallen.

© WELTEXPRESS, Foto: Elke BackertKunst spielt in der Fachwerkstadt eine große Rolle. Man muss nur die Augen offen halten. Zwei Skulpturen ragen heraus: „Hengst Wohlklang in der Freiheitsdressur“ im Schlosspark und „Ein Mann durchstößt die Pforte“ von Jean Ipousteguy auf dem Marktplatz – was man mit „Vom Leben in den Tod“ interpretieren könnte, denn Zerberus, der Höllenhund, ist auch dabei.

Auch die Kunst der Celler Küche ist nicht zu verachten. Man lässt sich Heidschnucken in allen Varianten schmecken, Heideschinken, Heidefrühstück, auch als Celler Gekochte bekannt, Celler Pfannenschlag, das ist eine Rinderkochwurst, Celler Kräuterbündelsuppe, 2000 zur Expo in Hannover kreiert, und die Celler rohe Roulade mit Bratkartoffeln. Zu ihrem Entstehen erzählt Metzger Kielhorn eine Anekdote: In den sechziger Jahren wollte ein Gast in einer Wirtschaft schnellstmöglich eine Roulade. Der Wirt war so erbost über die Eile, dass er dem Gast eine auf die Schnelle gefertigte rohe Roulade vorsetzte, geschnitten aus der Rindernuss, gewürzt mit Senf, Speck und Gewürzgurke. Ein leckerer Einfall, zumindest für den, der rohes Fleisch mag.  
 
Infos: Tourismus Celle, Markt 14-16, 29221 Celle, Telefon: +49(0)5141/1212, Email: info@celle-tourismus.de, Website: www.celle-tourismus.de

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