Leichtathletik: WM in London – Causa Caster Semenya: Mit von Natur aus erhöhtem Hormonspiegel und den Gegnerinnen über 800 m überlegen

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Leichtathletik. Laufen von Frauen.
Leichtathletik. Quelle: Pixabay

Berlin, Deutschland; London, UK (Weltexpress). Wenn Caster Semenya am Sonntag zum dritten Mal den WM-Titel über 800 m der Frauen gewinnt, dürfte die Diskussion wieder Fahrt aufnehmen über die Frage: Gehört die 26-jährige Südafrikanerin in dieses Starterfeld der Leichtathletik-Weltmeisterschaften oder müsste sie nicht eher im Männerwettbewerb antreten? Denn Caster Semenya zählt zu den sogenannten hyperandrogenen Athletinnen mit einem Wert des männlichen Sexualhormons Testosteron, der weit über Normalwerten bei Frauen hinausgeht.

Das bewirkt u.a. deutlich maskuline Gesichtszüge, verstärkte Muskelausprägung und oft auch für Frauen herausragende Körpergröße. Dass Semenya trotz eines Körpergewichts von 73 kg bei einer Größe von 1,78 m dennoch den Kontrahentinnen locker davonläuft, ist gegen alle sportwissenschaftlichen Theorien. Mit solch einem Gewicht hat man eigentlich keine Chance in der Weltklasse. Da bestimmten meist schlanke und grazile Läuferinnen das Geschehen.

Studien im Auftrag des Leichtathletik-Weltverbandes IAAF führten allerdings zu der Erkenntnis, dass erhöhte Testosteronwerte bei Sportlerinnen in bestimmten Disziplinen – auch über 800 m – zu einem Leistungszuwachs von bis zu 4,5 Prozent führen könnten.

Daraufhin verfügte die IAAF im Sinne der Fairness und der Chancengleichheit einen Testosteron-Grenzwert, um bei Wettkämpfen als Frau zugelassen zu werden. Um diese Vorgaben zu erfüllen, nahm Semenya Medikamente ein, die den Testosteronspiegel senkten. Die Folge waren schwächere Zeiten und nicht mehr das Vornweglaufen gegen den Rest der Weltelite.

Die Polin Walasiewicz erste prominente Zwitter-Athletin

Diese Art der Zulassungsbeschränkung für weibliche Sportler war völlig neu. Das Problem von intersexuell – so der moderne Begriff – geprägten Athletinnen in der Leichtathletik indes ist fast so alt wie die internationale Leichtathletik selbst.
So galt die gebürtige Polin Stella Walasiewicz, in den 30-er Jahren über 100 m Weltrekordlerin und Olympiasiegerin, aufgrund ihres Aussehens und der sportlichen Überlegenheit als „Zwitter“, also zwischen den Geschlechtern stehend. Nach ihrem Tod 1980 in den USA bestätigten sich nach der Obduktion mancherlei Gerüchte und Vermutungen. Walasiewicz hatte männliche Geschlechtsorgane – typisch für die intersexuelle Konstellation.

In den 1960er Jahren beherrschten die Geschwister Irina und Tamara Press aus der Sowjetunion mit Weltrekorden und Olympiasiegen ihre Gegnerschaft über 80 m Hürden/ Fünfkampf bzw. im Kugelstoßen/Diskuswurf. Ausgestattet mit ungewöhnlicher Kraft und Dynamik, tiefen Stimmen und Bartwuchs. Danach reagierte der Weltverband und ordnete zur Erteilung der Startberechtigung das nackte Auftreten vor einer medizinischen Kommission an. Dies erweiterte der Weltverband 2011 mit der Maßgabe der erwähnten Hormonwerte.

Der Einspruch der Inderin Chand war erfolgreich

Dagegen erhob eine Sprinterin aus Indien Einspruch beim Sportgericht CAS. Dutee Chand, bei weitem nicht so bekannt und erfolgreich wie Semenya, aber ähnlich muskulös und maskulin. Die 200- m-Spezialistin lehnte zur Absenkung ihres Hormonspiegels eine Operation und die Medikamenteneinnahme ab.

Infolge des Einspruchs hob der CAS, die höchste und letzte Instanz der Sportgerichtsbarkeit beim Internationalen Olympischen Komitee (IOC), 2015 die Zulassungsbeschränkung wegen zu hohen Testosteronanteils auf. Der Grenzwert war bei 10 Nanomol je Liter Blut festgelegt. Frauen haben normalerweise eine Quote von 0,1 bis 2,8 – bei Männern finden sich 10,5 Nanomol Testosteron und mehr im Blut.
Die sportfremden Juristen argumentierten, der Wettbewerbsvorteil sei nicht hinreichend nachgewiesen. Und die Festlegung von Grenzwerten willkürlich und diskriminierend. Man dürfe die Sportlerinnen nicht zwingen, ihren natürlichen Hormonspiegel künstlich zu senken.
Semenyas Leistungen ohne Medikamenteneinnahme stiegen wieder deutlich an. Im Vorjahr sicherte sie sich in Rio de Janeiro ihre zweite olympische Goldmedaille.
Neben ihr auf dem Podium standen zwei Läuferinnen, Wambui aus Kenia und Niyonsbaba aus Burundi. Beide entsprechen vom äußeren Habitus, ihrem männlichen Laufstil und dem überlegenen Ausdauervermögen dem Typus der intersexuellen Sportlerin.
Dass alle sowie eine vierte Starterin über 800 m aus Schwarzafrika kommen, dürfte ihre Erklärung darin finden, dass hier Ethnien über Jahrhunderte auf relativ kleinen Territorien mehr oder minder abgeschottet unter sich blieben.

Der Weltrekord war bisher nie ein Thema

Nach der Aussetzung des Grenzwertes steigerte Semenya ihre Bestzeit auf 1:55,27 Minuten. Einen ernsthaften Versuch, den Weltrekord in ihren Besitz zu bringen, hat sie nie unternommen. Die Rekordmarke wird seit 1983, der Hochzeit des weltweißen Dopingmissbrauchs, von der Tschechin Jarmila Kratochvilova gehalten. Ähnlich muskulös und kompakt im Wuchs wie Semenya, Bartwuchs und tiefem Stimmorgan.
Beobachter vermuten, dass die Südafrikanerin ganz bewusst den Rekord nicht attackiert, um nicht den kritischen Stimmen noch mehr Nahrung zu geben. Wie sie anscheinend ebenso vermeidet, in manchen Rennen am Ende ihre Überlegenheit in letzter Konsequenz auszuspielen.
So blieb sie nun in London im Finale über 1500 m untypisch lange im Pulk der Läuferinnen eingekesselt und schob sich dann erst auf der Zielgeraden nach vorn. Dritter Platz auf dem Siegertreppchen. Das war okay und kein erneuter Hinweis auf ihre sportliche Sonderstellung.
Der CAS hat die IAAF aufgefordert, bis Jahresende ein weiteres wissenschaftliches Papier vorzulegen, in dem die Wettbewerbsvorteile der hyperandrogenen Sportlerinnen nachgewiesen werden.
Passiert das nicht, dürfen Athletinnen mit überhöhten Testosteronwerten und ohne Medikamentenzwang weiterhin uneingeschränkt um Medaillen kämpfen.

Heirat mit einer attraktiven jungen Frau

Da wird es denn auch keine Rolle spielen, dass sich im Körper von Caster Semenya verdeckte Hoden befinden, aber weder Eierstöcke noch eine Gebärmutter. Und sie vor anderthalb Jahren ihre Freundin Violet Raseboya, eine bildhübsche Schönheit, als Bräutigam zum Standesamt geführt und geheiratet hat.

Im Lager ihrer sportlichen Gegnerinnen hält man sich mit offiziellen Kommentaren zur Causa Semenya zurück. Nur die Kanadierin Melissa Bishop, eine Läuferin aus dem Kreis der zehn Besten, forderte öffentlich vehement, Athletinnen wie Semenya nicht bei den Frauen laufen zu lassen.

Die Deutsche Hanna Klein, mit normalem Testosteronspiegel und dennoch Elfte im WM-Endlauf über 1500 m, äußerte auf eine entsprechende Frage: „Ich weiß, dass sie ein nette Dame sein soll.“ Das könnte man so stehen lassen. Denn der Vorschlag eines Teilnehmers in einem Internetforum dürfte sobald nicht Realität werden. Es gibt Olympische und Paralympische Spiele und Wettkämpfe, so der Sportfan, für Caster Semenya und andere könnte man doch Intersexuelle Wettbewerbe ins Leben rufen!

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