Bundschuh gegen Daimler-Benz oder Der Fall der Teststrecke Boxberg – Uschi Hergt-Oellers im WELTEXPRESS-Exklusivinterview

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Im Namen des Volkes! Bundschuh beim Bundesverfassungsgericht am 24. März 1987. © Bundschuh e.V.

Frankfurt am Main, Deutschland (Weltexpress). Bernd Paschel sprach mit Uschi Hergt-Oellers, Mitautorin des kürzlich erschienenen „BUNDSCHUH-Buches“, das den erfolgreichen Kampf der Bürgerinitiative dokumentiert. Weitere Autoren des Buches sind Horst Oellers, Walter Rukaber, Dr. Dieter Thoma, Siegfried de Witt und Hansjörg Wurster. Beim Kampf „David gegen Goliath“ wird gezeigt, wie Widerstand erfolgreich sein kann und dabei gleichzeitig die Rolle der etablierten Politik entlarvt als Unterstützer der großen Konzerne. Zur Ehrenrettung der Grünen muss gesagt werden, dass sie und ihr jetziger „Landesvater“ von Baden-Württemberg – damals in der Opposition – den Bundschuh in den 80-er Jahren, sehr unterstützt haben.

Paschel: Liebe Uschi, zuallererst ein Gedenken an Ihren lieben Mann Horst Oellers, ehemals Hauptmann der Bundeswehr und später Begründer und Geschäftsführer der BUNDSCHUH-Genossenschaft. In ihr hatten sich Ende der 70er Jahre zunächst betroffene Landwirte und Grundstückseigentümer zusammengeschlossen, um die von Daimler-Benz geplante Teststrecke bei Boxberg zu verhindern. 2014 ist Ihr Mann mit 75 Jahren leider viel zu früh verstorben. Mit Ihrem Buch haben Sie ihm sicher einen Wunsch erfüllt.

Hergt-Oellers: Ja, es ist schon so etwas wie ein Vermächtnis. Der BUNDSCHUH war das Lebenswerk meines Mannes. Als er während des Studiums in Frankfurt von den Daimler-Plänen in der Presse las, mischte er sich ein, zunächst in Form von Leserbriefen. Horst empörte die gigantische Umweltzerstörung und er wies auch auf die militärische Bedeutung des Projektes hin. Er wollte den betroffenen Landwirten helfen, sich dagegen zur Wehr zu setzen. Als Teil eines sehr guten Teams trug er mit seiner Energie, seinem unbeirrbaren Willen und seinem strategischen Denken dazu bei, dass sich der Widerstand sehr schnell verbreitete, viele Unterstützer in ganz Deutschland fand, und schließlich zum Erfolg führte.

Aufruf zum Marsch nach Karlsruhe 1985. © Bundschuh e.V.
Aufruf zum Marsch nach Karlsruhe 1985. © Bundschuh e.V.

Paschel: Das Buch mit 250 Seiten habe ich an einem Tag durchgelesen, weil es spannend wie ein guter Krimi ist. In dem Kapitel, wo der Bundschuh beim Bundesverfassungsgericht Recht bekommt in der letzten Instanz, kamen mir heute noch die Tränen.

Hergt-Oellers: Das war wirklich sehr ergreifend. Und die Tränen von August Ehrly, dem Ersten auf der Liste der Musterkläger, gingen damals ja auch durch die Medien. Nach so vielen Niederlagen vor den vorinstanzlichen Gerichten endlich der langersehnte Sieg der Gerechtigkeit! Es bedurfte schon einer besonderen Konstellation, um dorthin zu kommen. Aufrechte Menschen, die trotz Rückschlägen an ihrem Ziel festhalten, viel Sachverstand und Engagement – insbesondere auch bei den Anwälten – und viel Solidarität von politisch bewussten Menschen.

Paschel: Aber lassen Sie uns mal einzelne Stationen durchlaufen, um den Leser neugierig zu machen.
Wie haben Sie eigentlich von dem Daimler-Benz-Projekt Wind bekommen?

Hergt-Oellers: Ende 1977 ging zunächst nur das Gerücht durch das 500-Seelen-Dorf Schwabhausen, Daimler-Benz wolle auf dem „Seehof“ – einem Hofgut des Fürsten von Leiningen – eine Fabrik bauen. Dies wurde im Januar 78 dann durch eine Pressemitteilung des Landrats konkreter, in der er ankündigte, die Daimler-Benz AG wolle eine Versuchsstrecke für ihre Fahrzeuge bauen. Für diese würde zwar eine größere Fläche benötigt, aber sie „wird sich harmonisch in das Landschaftsbild einfügen.“ Der Boxberger Bürgermeister sprach kurz darauf in einer öffentlichen Gemeinderatssitzung von der „Chance des Jahrhunderts“.

Paschel: Danach formierte sich der Widerstand in der IG.

Hergt-Oellers: Ja, denn der Landverbrauch von 500 Hektar, von dem bald die Rede war, stellte für die betroffenen Landwirte eine ernste Bedrohung ihrer bäuerlichen Existenz dar. Auch wenn sie selbst keine Äcker verkaufen würden, so hätten sie durch Verlust ihrer Pachtäcker einen Großteil ihrer Wirtschaftsfläche verloren. Außerdem sind rund um den „Seehof“ besonders fruchtbare Böden mit hohen Erträgen. Und so regte sich bald der Widerstand, zunächst durch Gründung der „Interessengemeinschaft der von der Daimler-Benz-AG-Teststrecke betroffenen Landwirte und Grundstückseigentümer . . .“.

Paschel: Die Bundschuh-Fahne tauchte kurz danach zum ersten Mal im „Rebellenlager“ Schwabhausen auf.

"Verfassungsbeschwerde an der BUNDSCHUH-Fahne vor dem Bundesverfassungsgericht in Karlsruhe, 1985"
„Verfassungsbeschwerde an der BUNDSCHUH-Fahne vor dem Bundesverfassungsgericht in
Karlsruhe, 1985″

Hergt-Oellers: Der Gewerbelehrer und Mitgründer der IG, Walter Rukaber, hatte sie zu einer ersten Infoveranstaltung der IG mit Medienvertretern mitgebracht, weil ihn der Kampf der Bauern gegen Kapital- und Großgrundbesitzer sowie Landesherren an den Bauernkrieg vor fast 500 Jahren erinnerte. Die Bundschuh-Fahne in einem Pflug – das Stadtwappen von Schwabhausen enthält auch einen Pflug – wurde zum Symbol des Widerstands.

Paschel: Die Mehrheit der Bevölkerung glaubte lieber den Verheißungen aus Wirtschaft und Politik.

Hergt-Oellers: Die BUNDSCHUH-Bauern hatten die große Mehrheit gegen sich. Sie wurden angefeindet, weil sie die Zukunft der Region, insbesondere die der Kinder und Jugendlichen verspielen, Wohlstand und Arbeitsplätze verhindern würden.

Paschel: Sie konnten nur ein Drittel der Bevölkerung für Ihre Interessen gewinnen. Deshalb war die Unterstützung von Außen für die Bewegung sehr wichtig.

Hergt-Oellers: Ohne die politische und insbesondere auch finanzielle Unterstützung vieler Menschen hätte der BUNDSCHUH den langen Weg durch die Instanzen der Justiz nicht beschreiten und gewinnen können. Es war ja sicher die feste Überzeugung von Daimler-Benz und Landesregierung, dass dem Widerstand sehr schnell die (finanzielle) Luft ausgehen würde.

Paschel: Die Gründung der Bundschuh-Genossenschaft war wohl das wesentliche Instrument für den Erfolg?

Hergt-Oellers: Ohne die BUNDSCHUH-Genossenschaft – und später den BUNDSCHUH-Verein – wäre es nicht gelungen, über 2500 Mitglieder zu gewinnen, die mit Geschäftsanteilen, Darlehen und Spenden den Widerstand finanzierten. Die Genossenschaft verfolgte dabei von Anfang an zwei Ziele: die Verhinderung der Teststrecke und den Aufbau einer nachhaltigen, lebensbejahenden Alternative – den ökologischen Landbau. Ökologische Nahrungsmittel sind heute eine Selbstverständlichkeit und in nahezu jedem Supermarkt erhältlich. Ende der 70er Jahre leistete der BUNDSCHUH hier eine wichtige Pionierarbeit. Immer mehr BUNDSCHUH-Bauern stellten – begleitet von fachkundiger Beratung – ihre Betriebe auf ökologische, meist biologisch-dynamische Wirtschaftsweise um, und die BUNDSCHUH-Genossenschaft übernahm die Aufbereitung, Lagerung und Vermarktung des Getreides. Und sie belebten eine alte Tradition des badischen Frankenlandes wieder, die Erzeugung von Grünkern. Die BUNDSCHUH-Genossenschaft brachte den ersten DEMETER-Grünkern auf den Markt.

Paschel: In Eurem Buch, das im VAS-Verlag erschienen ist, befindet sich eine DVD mit einer Chronologie, vielen Bildern und Dokumenten des Widerstandes. Allein diese DVD ist schon den Kaufpreis wert.

Hergt-Oellers: Die DVD ist eine wichtige Ergänzung des Buches, da sie die Möglichkeit bietet, sehr detailliert und anschaulich die vielfältigen Aktionen und die Reaktionen der Gegenseite zu dokumentieren.

Paschel: Eure Gegner waren ja nicht nur bei Daimler Benz, sondern auch in Parteien und Verbänden, bis in die Spitzen der Deutschen Politik, wie Hans Filbinger und Lothar Späth, die sich für die Interessen von Daimler Benz einspannen ließen. Auch FDP und SPD unterstützten das Daimler-Benz-Projekt. Erhard Eppler und einige Wenige waren leider eine rühmliche Ausnahme. Nur die Grünen mit Winfried Kretschmann unterstützten Euch dagegen von Anfang an.

MdB Dora Flinner bei Getreideanlieferung. © Bundschuh e.V.
MdB Dora Flinner bei Getreideanlieferung. © Bundschuh e.V.

Hergt-Oellers: Die Grünen versuchten sehr engagiert, das Projekt zu verhindern. Nicht nur durch Ihre Arbeit im baden-württembergischen Parlament, sondern auch durch ihre persönliche Präsenz bei vielen politischen Aktionen des BUNDSCHUH, etwa auf dem Marsch nach Karlsruhe oder bei der Rodung von 30.000 Bäumen im Assamstädter Wald, die noch vor der Urteilsverkündung Anfang 1986 durchgezogen wurde. Aber bei den damaligen Mehrheitsverhältnissen hatten sie mit ihren Anfragen und Anträgen im Parlament keine Chance. Es war über all die Jahre eine sehr gute Zusammenarbeit. So unterstützte der BUNDSCHUH zum Beispiel auch die GRÜNEN durch eine Wahlempfehlung zur Landtagswahl 1980. 1990 wurde die BUNDSCHUH-Bäuerin Dora Flinner als Abgeordnete für die GRÜNEN in den Bundestag gewählt. Und am Ende des langen Kampfes spendierten die Grünen einen Ochsen am Spieß bei der Siegesfeier.

Paschel: Am 2. Juli 2016 hat nun die Mitgliederversammlung die Auflösung des BUNDSCHUH-Vereins beschlossen.
Die Teststrecke von Daimler Benz ist in Norddeutschland gebaut worden und anscheinend wegen des vielen Nebels in Papenburg wohl eher ein Flop.
Was ist von dem Kampf „David gegen Goliath“ an Positiven geblieben?

Hergt-Oellers: Der BUNDSCHUH ist ein Beispiel dafür, dass sich Widerstand gegen umweltzerstörende Großprojekte und Ungerechtigkeit lohnen kann, insbesondere wenn gleichzeitig sinnvolle Alternativen aufgezeigt und gelebt werden. Unsere verfassungsrechtliche Ordnung bietet die Möglichkeit dazu, selbst gegenüber mächtigen Interessenkoalitionen aus Kapital und Politik. Und außerdem hat der BUNDSCHUH dazu beigetragen, die nachhaltige Produktion gesunder Lebensmittel zu etablieren. Damals war es exotisch und wurde belächelt, heute ist es trendy, biologische Produkte zu konsumieren.

Paschel: Das ist ein hoffnungsvoller Schluss, der Mut zum politischen Engagement macht. Vielen Dank für das Gespräch.

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