Biathlon in Oberhof braucht Investitionen und anderen Termin – Drei Problemfälle im deutschen Team

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Schießen beim Biathlon (hier im kanadischen Whistler). Quelle: Pixabay, gemeinfrei
Oberhof, Thüringen, Deutschland (Weltexpress). Die 24. Auflage des Biathlon-Weltcups in Oberhof offerierte am Sonntag ein versöhnliches Ende – weil bei akzeptablen äußeren Verhältnissen im Massenstart im Ziel die vorne lagen, die man als die derzeit Besten ansehen darf: Martin Fourcade (Frankreich) und Anton Shipulin (Russland) sowie Darja Domratschewa (Weißrussland) und Veronika Vitkova (Tschechien)!

Die Gastgeber-Hoffnungen auf Podiumsränge in sechs Wettbewerben erfüllten sich jedoch nicht. Benedikt Doll (8.) und Simon Schempp (10.) sowie Franziska Preuß (6.) schafften immerhin die Top Ten. Verdeutlichten damit die momentane Situation, die Sportdirektorin Karin Orgeldinger so kennzeichnete: „Wir sind noch nicht da, wo wir hin wollen.“ Plätze auf dem begehrten Siegertreppchen sind gefragt.

22 000 Zuschauer bei der Königsdisziplin des Biathlonsports ( mit Top 25 der Weltrangliste plus fünf Restbeste aus dem Sprint) waren bemerkenswert. Dass aber an fünf Tagen nur 66 000 – im Vorjahr an drei Tagen 62 500 – gezählt wurden, bestätigt das nachlassende Interesse und war weit entfernt von Rekordquoten jenseits der 100 000 vergangener Tage.

Mit der Gesamtquote liegt man allerdings immer noch deutlich vor Weltcup-Stationen wie Östersund/Schweden, Pokljuka/Slowenien oder Nove Mesto/ Tschechien.

IBU-Präsident mahnt Verbesserungen an

Dass Anders Besseberg am Grenzadler erschien, kam nicht von ungefähr. Der norwegische Präsident des Biathlon-Weltverbandes IBU wollte Gespräche über die Zukunft des Weltcup-Standorts führen.

Auf der Pressekonferenz am Samstag – gemeinsam mit IOC-Chef Thomas Bach und dem Präsidenten des Deutschen Olympischen Sportbundes (DOSB), Alfons Hörmann, – bekundete Besseberg, natürlich sei Oberhof eine wichtige Weltcup-Veranstaltung. „Aber Sanierungen und Verbesserungen sind dringend notwendig. Seit der erfolgreichen WM 2004 hier ist nichts passiert.“

Das neue Funktionsgebäude (ca. 2,4 Millionen Euro), Änderungen an der Strecke, das neue Wasserreservoire für die Kunstschnee-Herstellung erwähnte er nicht. Dafür die nicht ausreichenden unterirdischen Zugänge für den Innenraum, fehlender Platz für TV-Wagen und Service-Trucks der Mannschaften und andere bauliche Erweiterungen, die erforderlich seien. Investitionen im Bereich um 27 Millionen Euro!

Nur so sei die Bewerbung um eine erneute WM-Austragung 2020 bzw. 2021 chancenreich: „Wobei ich als Präsident bei der Entscheidung keine Stimme habe und nicht mit wählen darf.“

DOSB-Präsident Hörmann unterstützt die WM-Kandidatur mit dem Hinweis, dass man so Mittel und Zuschüsse auch aus dem EU-Topf für eine Modernisierung bekäme. Und eine WM der Sportart sportlich und medial immer einen Schub gäbe.

Das sieht der neue Ministerpräsident Bodo Ramelow von den Linken, der im Verbund mit SPD und Grünen die Dauerherrschaft der CDU im „Freistaat Thüringen“ beendete, ähnlich und sicherte dem wichtigsten Sportereignis des Bundeslandes „alle erforderliche  Unterstützung“ zu.

Die expandierende und boomende IBU kann hohe Standards einfordern, denn es gibt neben der WM saisonal nur neun Weltcups, davon mit Oberhof und Ruhpolding zwei in Deutschland. Außer dem sibirischen Chanty Mansisk sind es durchweg Gastgeber in Europa.

Doch es gibt Interessenten aus dem zweitklassigen IBU Cup und von anderen Kontinenten – Asien, Nordamerika -, in den Weltcup-Zirkus der Skijäger aufgenommen zu werden.

Wetterküche Grenzadler täte anderer Termin gut

Die infrastrukturellen Defizite sind ein Faktor für das drohende Weltcup-Aus am Rennsteig und dem Grenzadler . Die permanenten Wetterkapriolen eine andere Gefahr.

Wobei der „wärmste Jahresanfang seit Aufzeichnungsbeginn in Deutschland“ nicht allein als Ursache für die „teilweise irregulären Bedingungen“ in der zurückliegenden Woche war.

Oberhof und die Wettkampfstrecke auf etwas über  900 m liegen in einer Wetterscheide auf dem Kamm des Thüringer Waldes. Wo sich Regen, Nebel und Wind so oft abwechseln wie fast nirgendwo in Deutschland.

Was die Aktiven – wie schon öfter in der Vergangenheit – zu Kritik veranlasste. Darja Domratschewa sprach von Bedingungen, die irreguläre Ergebnisse begünstigten, und milderte ihre rigorose Oberhof-Ablehnung nach dem Erfolg im Massenstart: „Man sollte vielleicht einen anderen Termin nehmen – vorher oder im Februar.“

Sie griff damit den Vorschlag von Doppelsieger Martin Fourcade auf, der eindeutig für den Februar plädierte. Die Deutschen hielten sich diesbezüglich zurück. Lediglich Daniel Böhm hatte sich geäußert, Oberhof sei vom Wetter her eigentlich für einen Weltcup kaum geeignet.

Überlegungen, die Oberhof seit Jahren begleiten. Aber vom Veranstalter nicht massiv an die IBU herangetragen wurden. Anfang Januar, das war günstig für einen Anschluss an Weihnachts- und Silvester-Buchungen. Zudem war man in einer Zweckpartnerschaft mit den folgenden Weltcups in Ruhpolding und Antholz. Und so hat man alles Mögliche unternommen, um das Spektakel über die Bühne zu bringen. Einmal sogar LKW-Ladungen mit Frischhalteeis für Fische über hunderte Kilometer von der Nordsee herantransportiert”¦

Diesmal wurde eine finnische Firma zur Kunstschnee-Produktion angeheuert. Mietkosten allein 80 000 Euro. Dazu Kosten für Strom, Wasser und Arbeitskräfte. Kunstschnee wurde im Depot gebunkert und mit 130 LKW-Fahrten herangekarrt”¦ein Aufwand mit ökologisch fragwürdigem Hintergrund!

In diesem Nichtwinter können die Biathleten im Februar in Nove Mesto und Oslo um Weltranglistenpunkte und Preisgelder (Top zehn erhalten jeweils Prämien/ in Oberhof zahlte die IBU total 326 000 Euro aus) laufen und schießen.

Wenn einer von beiden bereit wäre, den Januar-Termin zu übernehmen oder sich Besseberg kraft seines Amtes dafür stark machen würde, könnte Oberhof auf den Februar rutschten und vermutlich weniger wettergeplagt leben.

Forsa-Umfrage zu Sommer-Olympia-Bewerbung

Die oberste deutsche Sportbehörde DOSB wird Ende Februar eine Forsa-Umfrage in Hamburg und Berlin in Auftrag geben. Und dann im März im DOSB-Präsidium beraten, mit wem man für die Olympia-Bewerbung 2020 bzw. 2024 ins Rennen gehen wolle. Hörmann erklärte, wenn der Grad der Zustimmung in beiden Städten deutlich voneinander abweicht, würde das natürlich die DOSB-Entscheidung leichter machen.

Wie man aber die Grundstimmung der Bevölkerung pro Olympia anheben wolle, darüber ließ er nichts verlauten.

Und so könnte es denn passieren, dass der DOSB sich nach dem Umfrageergebnis festlegt, aber mit der Stadt kandidiert, die international das schwächere Standing aufweist!

Der gewiefte Jurist und Sportfunktionär Bach bügelte Fragen mit kritischem Unterton zum IOC-Negativimage professionell ab. Hamburg oder Berlin? – Da müssen Sie den DOSB fragen! Ist Boston nicht automatisch ein Favorit, da ja die Mehrzahl der IOC-Sponsoren aus den USA kommt? – Nein, es gibt keinen Favoriten. Und kommerzielle Erwägungen spielen bei der Wahl keine Rolle, diese Art der Einflussnahme würde gegen IOC-Statuten verstoßen!

Wie überhaupt die von ihm initiierte Reform-Agenda 2020 zur Neuausrichtung und Tätigkeit des IOC sich positiv auswirke.

Aller Anfang ist schwer und eine Rückkehr noch mehr

Die 20-jährige Franziska Preuß wurde nach Rang vier und sechs schon wieder in den Status der Magdalena Neuner-Nachfolgerin erhoben. In der Tat erstaunlich, wie die Bayerin nach ihrem Olympiadesaster von Sotschi, wo sie als Startläuferin der Staffel patzte und mit Tränen das Stadion verließ, in die Erfolgsspur zurückgekehrt ist.

Doch dass es viel zu früh ist, eine Parallele zur Mehrfach-Weltmeisterin, Olympiasiegerin und Werbe-Ikone Neuner herzustellen, beweist das Beispiel Tina Bachmann. Die 28-jährige aus Schmiedeberg war ebenfalls in jungen Jahren als Senkrechtstarterin mit WM-Silber im Einzel oder Staffel-Weltmeisterin in der Szene aufgetaucht. Doch dann folgten Rückschläge, gesundheitliche Probleme, ein Burnout. Sie musste sich in ärztliche Behandlung begeben, pausierte zwei Jahre und versuchte nun nach erfolgreichem Einstieg im IBU Cup den Wiedereinstieg in den Weltcup.

Rang 47 im Sprint lassen ahnen, wie schwer dieser Weg zurück in die Weltspitze sein dürfte.

Arnd Peiffer (27) war Sprint-Weltmeister und WM-Goldgewinner mit der Mixed-Staffel. Stand bei sechs Weltcups ganz oben und beendete die Vorsaison nach Olympiasilber im Quartett in der Gesamt-Weltcupwertung auf Rang sieben als bester Deutscher. Doch in dieser Saison will es einfach nicht laufen – auch in Oberhof, wo er in einer Trainingsgruppe von Bundestrainer Mark Kirchner zugange ist, klappte es nicht mit der Qualifikation für die WM im März in Finnland. Dafür sind Platzierungen einmal unter den Top acht bzw. zweimal unter den ersten 15 erforderlich.

Normalerweise kein Problem für den Mann aus Clausthal-Zellerfeld, der nun in Ruhpolding diese psychologische Barriere überwinden will.

Problemfall Nummer drei im Deutschen Ski-Verband ist Miriam Gössner. Auch sie war schon als neue Lena-Neuner-postuliert worden, bestätigte dies mit rasend schnellen Rennen und Podiumsrängen. Doch ein böser Radunfall warf sie aus der Bahn, vermasselte ihr letztlich den Traum von der Olympiateilnahme in Sotschi. Die ersten Weltcups endeten nun so schlecht, dass sie über Erfolgserlebnisse im unterklassigen IBU Cup nun wieder Vertrauen ins sich und ihre Leistungen zurück gewinnen soll.

Parallel zu Oberhof schaffte die 24-jährige in Polen nun Platz eins im Sprint. „Wir hoffen sehr und glauben, dass sie wieder in die Weltcup-Mannschaft zurück kommt“, sagte Bundestrainer Gerald Hönig.

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