Beachvolleyball-WM: Holländische Extras mit einem Centercourt auf einer künstlichen Insel und Pendelverkehr für Betreuer

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Rotterdam, Niederlande (Weltexpress). „Nein, so ein Quartier hatte ich bei einem Turnier noch nie“, entgegnet Ilka Semmler auf die Frage, ob sie bei ihren sportlichen Reisen schon jemals auf einem Schiff nächtigen durfte.

In Rotterdam, bei den gegenwärtigen Weltmeisterschaften der Beachvolleyballer, kampiert die 29-Jährige wie andere WM-Starter auf der MS Rotterdam. Mit 280 m Länge das größte, je in den Niederlanden gebaute Passagierschiff. Einst auf der Route nach New York und dann als Kreuzfahrtdampfer in Betrieb. Nun fest vertäut am Hafen. Hotel, Konferenzstätte mit Bar und öffentlichem Restaurant.

Eine besondere Erfahrung sei das schon, meint die Berlinerin Semmler. Mit ihrer Teamkollegin Katrin Holtwick erlebt sie ihren vierten WM-Auftritt, ist seit fast einem Jahrzehnt auf der Welttour der Sandvolleyballer dabei. Von China bis Florida/USA, von Moskau bis Stavanger. Doch „Schlafen in einer Kajüte, das gab`s noch nie.“

Bequem ist es zudem, denn die Akteure können quasi mit Badelatschen die 50 m rüber zum Wettkampfcourt hinter sich bringen”¦

Ja, die Gastgeber haben sich schon paar Besonderheiten einfallen lassen. Und dabei grünes Licht vom Weltverband FIVB erhalten.

Beispielsweise, dass die Spiele bis zu den Halbfinals auf vier Orte verteilt sind. Amsterdam, Apeldoorn, Den Haag und Rotterdam. Auch das ein WM-Novum.

Die Idee dahinter? – „Wir wollen Beachvolleyball landesweit präsentieren und popularisieren“, sagt Rotterdams Pressechef Ernst van der Pas.

Beachvolleyball ist auch in Holland – wie in Europa oder anderswo – bei der öffentlichen Wahrnehmung eine Randsportart. Obwohl sie mit Brouwer/Meeuwsen bei den Männern den Titelverteidiger stellen. Mit Nummerdor/Varenhorst und den früheren Europameisterinnen Meppelink/van Irsel noch zwei Medaillenanwärter auf bieten können.

Das Preisgeld für die Aktiven beträgt insgesamt eine Million US-Dollar. Wie hoch der Etat des Gastgebers ist, sei schwer zu beziffern, erklärt der Pressechef. Doch verteilen sich die Kosten eben auf vier Schultern und seien für die Städte geringer, als wenn alles kompakt an einem Ort geboten werde.

In Amsterdam, Apeldoorn und Rotterdam sind die Stadien mit Kapazitäten von 2000 bis 3000 Zuschauern praktisch und kostengünstiger ausgelegt. Ergänzt durch ein bis drei Zusatzcourts für Training oder Wettkampfvorbereitung. Die Mehrheit der Helfer ist ehrenamtlich dabei.

In Den Haag, wo am Wochenende auch die Finals ausgebaggert werden, hat man sich ein weiteres Extra einfallen lassen: Die Finalarena (5000 Zuschauer) schwimmt auf Pontons auf einer künstlichen Insel im Wasser!

Dazu vor den imposanten historischen Gebäuden auf einem Platz den Beach-WM-Club mit allem Drum und Dran für Zuschauer und Touristen – Unterhaltung, Infos, Kinderbeschäftigung, Essen und Trinken.

Ins Konzept der Werbung  für Beachvolleyball passt, dass überall am Tage Schulklassen in gleichfarbigen Shirts anmarschieren. Und in Scheveningen, an der Nordsee vor Den Haag, am Strand 2355 Beachvolleyballer, unter ihnen der Volleyball-Weltpräsident Arya S. Graca (Brasilien), ein Weltrekord von gleichzeitig spielenden Beachvolleyballern organisiert werden konnte.

Nicht allen passt allerdings, die Zersplitterung der Wettkampforte. „Unmöglich“, schimpft der deutsche Mannschaftsarzt Dr. Michael Tank. „Bei Olympia oder sonst Weltmeisterschaften hat man alles kompakt an einem Ort. Da kann man die Betreuung der Aktiven viel besser gewährleisten.“ Wie es hier laufe, da wären die Gastgeber-Teams ganz klar im Vorteil.

Hier kurvt er per Auto schon mal von einer Arena zur anderen, weil die sechs deutschen Duos auf alle vier Orte verteilt waren. Dabei wird er von drei Physio-Kräften unterstützt. Im Pendelmodus sind auch drei Spielanalytiker des deutschen Aufgebots, um Trainer und Spieler bei der Vorbereitung mit Videos der kommenden Gegner zu versorgen. Bis auf Apeldoorn ist alles in etwa einer Autostunde zu erreichen.

Die Streckung auf zehn WM-Tage, wohl eine Marketing-Strategie des Weltverbandes FIVB, um Sponsoren wegen der TV-Präsenz höhere Summen aus der Tasche zu ziehen, ist bei den Hauptdarstellern gewöhnungsbedürftig. Denn bei den üblichen Turnieren der World Tour reißen sie das Programm in weniger als der Hälfte runter.

„Furchtbar“, findet Alexander Walkenhorst den WM-Modus mit maximal einem Spiel pro Tag oder auch einem Pause dazwischen. „Wenn du da ein Spiel verhaust, geistert dir bis zu 48 Stunden im Kopf herum, warum du Scheiße gespielt hast. Auf der Welttour kommt schon am gleichen Tag die Chance, die Pleite auszubügeln.“

„Jetzt endlich sind sie im WM-Flow, im WM-Modus angekommen“, freute sich Tilo Backhaus, Trainer von Holtwick/Semmler nach dem 2:0 seiner Schützlinge über die Tschechinnen Bonnerova/Hermannova im dritten und letzten Vorrundenspiel. Bei den ersten zwei Partien gegen Außenseiterteams aus Volleyball-Entwicklungsländern sei es eben schwer, „den Fokus zu finden und die richtige Wettkampfspannung auf zu bauen“(Semmler).

Paolo Nicolai, mit Daniele Lupo ein Medaillenanwärter aus Italien, sieht im gestreckten Wettbewerb auch etwas Positives: „Da hat man viel mehr Zeit, sich gründlich und intensiv auf das nächste Match einzustellen.“

Gegen die Lokalmatadoren Brouwer/Meeuwsen half das allerdings nicht. In zwei, drei strittigen Situationen entschieden die Referees zugunsten der Holländer. „Ja, da waren wir nicht cool und clever genug. Aber wir sind ja in der K.o.-Runde der 32 Besten. Nun beginnt in der WM praktisch eine neues Turnier.“

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