Barrierefreier Tourismus – Reisen für Menschen mit Mobilitätseinschränkungen

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Barrierefreies Reisen beispielsweise mit dem Bayerischen Pilgerbüro wie auf diesem Bild zu sehen für Menschen mit Mobilitätseinschränkungen am Marienwallfahrtort Lourdes in Frankreich. © Bayerisches Pilgerbüro

München Deutschland (Weltexpress). Laut statistischen Bundesamt gab es im Jahr 2013 7,5 Millionen schwer behinderte Menschen in Deutschland und weitere 2,7 Millionen mit einer leichteren Behinderung. Zusammen gelten damit 13 Prozent der deutschen Gesamtbevölkerung als behindert. Die Tourismusbranche stellt sich seit vielen Jahren darauf ein und hält immer mehr spezialisierte und inklusive Angebote parat. Auch das Deutsche Seminar für Tourismus in Berlin hat in dem Forschungsprojekt „Reisen für Alle“ das Urlaubsverhalten von Menschen mit Behinderungen untersucht und kommt zum Ergebnis, dass 2015 2,2 Millionen Menschen mit Einschränkungen auf Reisen gegangen sind.

„Wir beschäftigen uns mit dem Thema Barrierefreier Tourismus und betreiben einen Reisedienst“, sagt Andreas Vega vom Verein VbA-Selbstbestimmt Leben e.V. in München. „Gruppen und Vereine können bei uns rollstuhlgerecht ausgestattete Reisebusse samt Fahrer chartern. Außerdem wird seit dem vergangenen Jahr wieder ein Busreiseprogramm für Menschen mit Mobilitätseinschränkungen aufgelegt wie zum Beispiel die Sechs-Tage-Reise „Der Harz – Kaiserpfalz, Walpurgisnacht und leise Pfoten“ vom 27. 08. bis 01. 09. 2017.“ Im Reisepreis sind unter anderem die Fahrt mit dem modernen Rollstuhlbus „Merlin“ und fünf Übernachtungen im „Schwiecheldthaus“, das für seine Gäste exklusiv einen ambulanten Pflegedienst betreibt, enthalten. Weitere Angebote sind die Sieben-Tage-Reise „Sommer am See – Auf den Spuren Fontanes im Ruppiner Land vom 24. bis 30. 07. 2017 und die 8-Tage-Reise „Wilder Schwarzwald, Geschichte im Elsass und Heilquellen im Park“ vom 03. bis 10. 06. 2017.

Eine körperliche Behinderung muss eine Familie nicht von einer Fernreise abhalten – im Gegenteil! Travelkid Fernreisen bietet gut organisierte Reisen für gehbehinderte Kinder nach Namibia und Costa Rica an. Egal, ob die Kinder Krücken, Prothesen, einen manuellen oder elektrischen Rollstuhl nutzen. Das gilt auch für Kinder mit Sehbehinderung. Denn eine Sehbehinderung ist zum Beispiel kein Grund auf eine Safari in Namibia zu verzichten. Und hat das Kind eine Hörbeschädigung oder ist es gehörlos? Auch deswegen müssen die Kleinen nicht zu Hause bleiben. Sie können ohne Probleme Costa Rica mit den vielen Dschungelbäumen beobachten und teilweise sogar anfassen. Besonders cool ist es, wenn diese Kinder mit einem Führer im Regenwald die Canopy Tour bewältigen – für alle ein Erlebnis der Sonderklasse!

Das Bayerische Pilgerbüro bietet mehrere Reisen für Menschen mit eingeschränkter Mobilität an. Es gibt eine Flugwallfahrt für Kranke und Behinderte nach Lourdes mit ärztlicher und pflegerischer Betreuung, die ab München (15. bis 19.9.2017) und Memmingen (8. bis 12.6.2017) an zwei Terminen angeboten wird. Des Weiteren gibt es zwei Pilgerreisen, die ins Heilige Land und nach Irland führen.

Bei Barrierefreiheit sticht die nordspanische Region Kantabrien hervor. Die Hauptstadt Santander wurde schon mehrfach für seine Bemühungen um Barrierefreiheit ausgezeichnet (Premio Reina Sofia de Accesibilidad, Milenium Sécula XX-XXI, Finalist beim European Award for Accessible Cities). Auch andere touristische Attraktionen der Region sind für alle zugänglich gemacht worden, so zum Beispiel die prähistorischen Höhlen von Elsoplao und die Nachbildung der Altamira-Höhle.

Auf dem Weg in die touristische Zukunft sind in Ostbayern die Regionen Nationalpark Bayerischer Wald, Arberland und Freyung-Grafenau. Rollstuhlfahrern liegt hier der Nationalpark Bayerischer Wald beinahe uneingeschränkt zu Füßen: Das Besucherzentrum ist genau wie das Tier-, Pflanzen- und Gesteinsfreigelände gut zugänglich, gleiches gilt für die Kneipp-Anlage in Spiegelau. Highlight ist neben dem weltweit längsten Baumwipfelpfad in Neuschönau der Handicap-Parcours im Natur-Hochseilgarten Schönberg. Erstmals können auch Familien mit Kinderwagen, ältere Besucher und Gäste mit Handicap die Aussicht vom höchsten Berg des Bayerischen Waldes genießen. Mit dem gläsernen Panoramalift besteht ein optimaler Zugang zum Arberschutzhaus und der Eisensteiner Hütte auf dem großen Arber (Ostbayern Tourismusmarketing).

Auch das beeindruckende Panorama auf dem Wendelsteingipfel ist dank der Wendelsteinseilbahn in Bayerischzell nicht allein den Bergsteigern vorenthalten. Neben tollen Aussichten weiß die Region Tegernsee-Schliersee auch in Sachen (Geschmacks)Kultur zu punkten. Nach einem Besuch des Orgelzentrums Valley hebt eine Verkostung in der Lantenhammer Erlebnisdestillerie die ohnehin gute Laune. Auch die Naturkäserei TegernseerLand Kreuth ist kulinarisch interessierten Urlaubern problemlos zugänglich. Eine Schifffahrt auf einem der beliebten Seen rundet einen abwechslungsreichen Tag ab – der seine Fortsetzung im Chiemsee Alpenland findet. Neben Bade- und Wassersportangeboten am oder auf dem Chiem- und Simssee gibt es attraktive Möglichkeiten, sich mit dem Rad auf Erkundungstour zu begeben. Dank des „Tour-Me“-Konzepts ist der Rollstuhl immer griffbereit, alternativ geht es mit dem Handbike durch die Natur. Auf dem barrierefreien Streifzug durch Bayern darf natürlich auch die Landeshauptstadt nicht fehlen. In München stehen Besuchern mit Handicap unter anderem die Pinakotheken, das Brandhorst Museum, das Haus der Kunst, aber auch die Bayerische Staatsoper sowie die Kammerspiele offen. Eine tolle Ausstellung bietet zum Beispiel das Staatliche Museum Ägyptischer Kunst. Dort werden unter anderem Multimedia Guides und Führungen in Gebärdensprache angeboten. Wenn das Herz leidenschaftlich für die Automobiltechnik schlägt, ist die BMW Welt ein Muss und wer die Allianz Arena aus einer besonderen Perspektive erleben möchte, ist auf der „Handicapped-Tour“ richtig. Tipp: Ein Besuch im GOP Varieté Theater in der Maximilianstraße entführt die Besucher in eine faszinierende Welt zwischen Avantgarde und Tradition. Beeindruckende Artistik in stimmungsvollem Ambiente und kulinarische Genüsse sind die Garanten für ein ganz besonderes Erlebnis. Alle Bereiche im Varieté sind barrierefrei erreichbar, im Theatersaal sind für Rollstuhlfahrer geeignete Tische ausgewiesen (Bayern Tourismus Marketing).

Das Wandergebiet rund um Oberstdorf gilt als das größte am Nordrand der Alpen. Verschiedene Wandervorschläge, die in einer Rollstuhl-Wanderkarte zusammengefasst sind, führen durch Seitentäler und die weitläufigen Wiesen rund um Oberstdorf. Sie ist im Hotel Viktoria in Rubi und in den Tourist-Informationen erhältlich. Und wer einen Panoramablick auf über 2.000 m sucht, ist bei den Bergbahnen Nebelhorn und Fellhorn richtig. Atemberaubend ist der 400-Gipfel-Panoramablick vom Nebelhorn. Ein rollstuhlfreundlicher Panoramaweg führt vorbei an einem beeindruckenden Aussichtspunkt. Im Herbst 2016 eröffnete die neue Gipfelstation Nebelhorn. Neben einem neuen Restaurant und einer erhöhten Aussichtsterrasse entstand dort der Nordwandsteig: Der ein Kilometer lange, einfach begehbare und auch für Rollstuhlfahrer geeignete Rundweg umrundet den Gipfel und bietet einen beeindruckenden Blick in bis zu 600 m Tiefe (Tourismusverband Allgäu).

Im Fränkischen Seenland können sich gehbehinderte Urlauber im SAN-shine-CAMP im Bogenschießen üben. Nach der Anspannung folgt die Entspannung in der ERickscha bei einer gemütlichen Umrundung des Altmühlsees. Wer mit dem Wasser auf Tuchfühlung gehen möchte, dem stehen Strandrollstühle für ungehinderten Badespaß zur Verfügung. Übers Wasser geht es mit der MS Brombachsee. Da auf fränkischem Terrain natürlich auch das Bier nicht im Ferienprogramm fehlen darf, empfiehlt sich ein Besuch im HopfenBierGut Museum. In der Region Ochsenkopf im Fichtelgebirge dagegen rückt mit dem Automobilmuseum eine andere Leidenschaft in den Fokus des Betrachters. Sehbehinderte Urlauber sind dagegen in Bischofsgrün bestens aufgehoben, da sich im Ort taktile, tastbare Ortskarten finden und Gästeinformationen sowie Speisekarten auch in Braille-Schrift verfügbar sind. Um Märchen und Mythen geht es auch im Naturpark Haßberge: Im Hexendokuzentrum in Zeil am Main können sich Hobbyhistoriker ein eigenes Bild davonmachen, wie viel Mythos und wie viel Wahrheit in der Geschichte liegt. Zurück in der Gegenwart lohnt sich ein Besuch der Frankentherme Königshofen mit dem ersten Heilwassersee Deutschlands.

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