Bachblüten und Grübelsucht – Über Esoterik und kleine Kügelchen

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Räucherstäbchen
Räucherstäbchen, aber richtig. Quelle: Pixabay

Berlin, Deutschland (Weltexpress). Esoterik, das war vor 50 Jahren ein amüsantes Thema für gelangweilte Ladies. Natürlich nahm den ganzen Unsinn niemand ernst. Als jedoch die Gefahr bestand, schlichte Gemüter könnten jeden Mumpitz glauben, den man sich im Reich der Fabeln, Märchen und Einbildungen erzählte, haben renommierte Wissenschaftler die Unhaltbarkeit von Astrologie, Horoskopen bis hin zur geheimnisvollen Wirkung der Bachblüten bewiesen.

Zu spät, die Welle der Irrationalität überrollte jene Damen, die sich auf dem inneren Weg der Selbstfindung und spirituellen Erkenntnis befanden. Und alles nur, weil sie sich von ihren Ehemännern drangsaliert, von ihren Geliebten hintergangen und von ihrer großen Liebe, unter Hinterlassung zweier unehelicher Kinder, enttäuscht fühlten. Während man vor einigen Hundert Jahren mit Hilfe von Geister und Dämonen Warzen und Furunkel besprach, den Satan vertrieb, böse Mächte ausmerzte und Schweißfüße trockenlegte, haben die Rolle alternativer Heilmethoden nunmehr Esoterik-Verlage und Wirtschaftsunternehmen übernommen. Die Mystik griff um sich wie ein Steppenbrand und die Esoterik entwickelte sich zum Kassenschlager.

Fortan evaluierten Damen mit fundiertem psychologischem Halbwissen, düsterer Lebenserfahrung und mühsam erarbeiteter Betroffenheit verschiedenartige spirituelle und okkulte Lehren und Praktiken, mit denen sie fortan geschiedene Gymnasiallehrerinnen, militante Emanzen und desillusionierte Zahnarztgattinnen auf ein Leben voll innerer Harmonie vorbereiten. Mit Bachblüten, in Verbindung mit Moschus-Duftkerzen, Tarot und sanft geflüsterten Geheimformeln, schweben Patienten nach der Behandlung watteweich, mit einer Mienen voll des Glücks, der Liebe und Wärme wieder aus der Praxis, was vermutlich auf ihre geplünderte Kreditkarte zurückzuführen ist.

Zum besseren Verständnis jener Leser, deren Zugang zur Esoterik noch versperrt sein sollte, möchte ich ein wenig Unterstützung leisten. Bachblüten heißen nicht etwa Bachblüten, weil sie irgendwann an einem Bach blühten, nein…, sie heißen Bachblüten, weil sich den Namen ein gewisser Herr Dr. Edwin Bach ausgedacht hat. Er hat den Namen intuitiv gefunden. Wieso, weshalb, warum, das weiß ich nicht, da muss man wohl den Kuckuck fragen. Sagt man ja so im Volksmund: Weiß der Kuckuck…!
Und dieser Dr. Bach schrieb in sein Büchlein sämtliche Krankheiten dieser Erde auf, die ihm gerade in den Sinn kamen, völlig egal was…, also von Mumms bis Ziegenpeter, entstanden durch negative Seelenzustände! Ich erkläre mir das ja eher so: Erst mies drauf, dann gegen einen Bus gelaufen und zack, haste Mumms! Und von diesen negativen Seelenzuständen hat jeder Mensch genau achtunddreißig Stück! Was für ein Glück, weil es genau 38 Arten von Bachblüten gibt, die gegen solche negativen Seelenzustände helfen sollen. Beispielsweise Geißblatt gegen Pessimismus, Heidekraut gegen Grübelsucht oder Rotbuche gegen Arroganz! Die nehm’ ich auch immer!

Kommen wir nun zur Zubereitung dieser phänomenalen Heilpflanze. Ich hab mich gefragt, wie machen diese Bachblütenhersteller das in ihren Bachblütenfabriken? Im Beiblatt finde ich die Erklärung. Man füllt eine Glasschale mit fünf Litern reinstem Quellwasser, tunkt eine passende Bachblüte hinein und stellt sie zwei Stunden in die Sonne. In dieser Zeit gibt die Bachblüte als heilende Energie ihre Schwingungen an das Wasser ab. Das heißt, am Anfang ist in der Schale reinstes Quellwasser, …und hinterher auch!

Sollten meine Leser hinsichtlich der Wirkung verunsichert sein, kann er Folgendes tun: Machen Sie einfach ein Foto von einer Flasche Bier. Tunken Sie das Bild in ein Glas Wasser. Zwei Stunden später trinken Sie dann das Glas schön leer. Und wenn Sie davon besoffen werden, dann sind Bachblüten genau das Richtige für Sie! Aber ich will nicht abschweifen. Mit Inbrunst und großer Überzeugungskraft versinken die Anhänger der Esoterik in dunkel, aber definitiv lösbare Geheimnisse dieser Welt. In ganz normalen Steinen vermuten, ja wissen sie sogar alles über die ungeahnten Energien, die ihnen selbst immer fehlten. Mit Wünschelruten rennen sie über unwegsames Gelände, um Wasseradern zu finden. Nun ja, ist ja auch wichtig für die Bachblütenherstellung…!

Begonnen hat dieser Schwachsinn um 1780, als man behauptete, mit Magnetismus Krankheiten heilen zu können. Bekannt wurde in Paris die sogenannte Kaffeehaus-Szene. Sie entwickelte magnetische Heilgeräte. Die Therapiemethode: Man sitzt in Gruppen um einen solchen Apparat herum, gerät dabei erst in Trance, dann in Ekstase und lässt den Magnetismus beteiligter, gesunder Personen in sich einströmen. Ende des 18. Jahrhundert hat man diese Praktik verfeinert und versetzte zumeist weibliche Personen in einen „magnetischen Schlaf“. Ich persönlich finde diese Methode ja nicht schlecht, dann sprechen die Damen wenigstens nicht.

Heutzutage geht es absurden „Eso-Zirkeln“ zu wie in antiken Mysterienkulten. Gegen den hanebüchenen Unsinn der da geglaubt wird, ist mancher Schizophrene im akuten Stadium ein Hort reinster Rationalität. Biedere Hausfrauen begeben sich plötzlich auf Klangschaleneinkaufstour, ausgewachsene Akademiker lassen sich mit irgendwelchen Gegenständen bependeln, um zu erfahren, ob in ihrem Leben alles richtig läuft. Mit Duftkerzen und Räucherstäbchen werden Blockaden, Fußpilz und Verdauungsprobleme weggeräuchert. Andere wiederum gehen zur Wahrsagerinnen und lassen sich die Karten legen. Anders ausgedrückt: Früher wartete man ein Leben lang aufs Jenseits, heute will man es schon im Diesseits. Das glauben Sie nicht?

Tatsache ist, dass durchaus gebildete Leute ohne geringste Skrupel mit Menschen im Jenseits reden, als säßen sie neben uns am Tisch, währenddessen in der Psychiatrie gegenüber die Dosis der Medikamente um zwei Pillen erhöht wird, sollte ein Patient wieder mal Stimmen hören. Nein, ich will nicht hetzen. Alternativ leben, das mag ja heute schon vielen gelingen, – aber alternativ sterben? Na, ich weiß nicht so recht! Ich meine, diese esoterischen Nebelschwaden scheinen das Gefühl wahnsinniger Überlegenheit zu vermitteln, weil die vergeistigten Traumtänzerinnen davon überzeugt sind, dass sie mithilfe von Seminaren in Lichttherapie, Reiki, und Kabbala mehr wissen, als die schlichte Nachbarin in der Küchenschürze.

Nun ja, ob nun Energiesteine, ShengFui oder die energetische Heilkraft von Bachblüten, sie scheinen bei so manch erleuchteter Dame nicht nur Bewusstseins stimulierende Spuren zu hinterlassen, sondern auch deren Leben in Harmonie mit sich selber zu vernebeln. Esoteriker sind Angsthasen, die aus lauter Glaubensunfähigkeit sich selbst zum Gott erklären!

Auf dem Gebiet der Glaubensheilung nimmt die Homöopathie allerdings eine Sonderstellung ein. Selbstredend habe ich mich auch hier kundig gemacht und mich am letzten Wochenende einem Selbstversuch unterworfen. Ich habe eine Überdosis von 17 Fläschlein dieser Streukügelchen eingeworfen. Von allem Etwas. Wer jetzt glaubt, man habe den Notarzt rufen müssen, der irrt.
Misstrauisch geworden, habe ich das Zeug im Labor untersuchen lassen: Ergebnis: Die Kügelchen bestehen aus reinem Rohrzucker und beinhalten gar keine Wirkstoffe. Man kann die Dinger, sollte man zufällig keinen Zucker im Haus haben, auch zum Süßen verwenden. Ein herbeigerufener Homöopath klärte mich auf. „Je geringer die Dosis, desto besser die Wirkung“. Scheinbar habe ich bei der Einnahme etwas verwechselt. Die maximale Überdosis kann man also nur dann erreichen, wenn man sie erst gar nicht einnimmt. Seither lebe ich globolifrei und es geht mir gut. Und wie ihr seht, ich schreibe den Artikel sogar fertig.

Anstatt sich zeitaufwendig mit obskuren Heilmethoden auseinander zu setzen, empfehle ich zehn Gramm afghanisches Dope und `ne Tonpfeife. Chigong und Dope können ja Berge versetzen!

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