Auf der Suche nach dem größten Penis – Der neue Comicroman von Ulli Lust

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Ulli Lust
Ulli Lust: Wie ich versuchte, ein guter Mensch zu sein. © Suhrkamp Verlag

Berlin, Deutschland (Weltexpress). Es könnte alles so schön sein, der Sohn wird von den Eltern auf dem Land großgezogen, der 18 Jahre ältere Freund glaubt an ihre Kunst – aber Ulli ist unzufrieden, aufgekratzt, unbefriedigt. Der Sex mit Georg bringt es nicht. Sie verstehen sich super und sprechen über alles, auch darüber, dass das erotische Tier in ihm abgestorben sei – sie sich ruhig einen Freund suchen könne – dafür. Was wie ein ganz normaler Freibrief für einen kleinen Seitensprung anmutet, entwickelt sich in Ulli Lusts neuem Comic zu einer ausgewachsenen Besessenheit, gezeichnet in aller Deutlichkeit. Das konnte man bisher kaum sehen in deutschen Graphik Novels.

Ulli Lust, die vor acht Jahren mit ihrem autobiographischen Comic „Heute ist der letzte Tag vom Rest deines Lebens“ schlagartig berühmt wurde, erzählt die Geschichte ihrer Protagonistin von damals weiter. Das seinerzeit nach Sizilien ausgerissene Punkmädchen kehrt heim nach Wien und versucht, Kunst zu studieren, wird nicht angenommen, hadert mit sich und liebt den verständnisvollen Georg. Sie jobbt in seiner Theatertruppe, drückt sich vor den Vermittlungen des Arbeitsamtes, kifft und tanzt durch die Nächte. Trifft Kim, einen nigerianischen Arbeiter, verführt ihn, verliebt sich. Die dreifarbigen Zeichnungen zeugen von der hohen Kunst ihrer Schöpferin, die durch Schraffierungen verblüffende Farbtiefe und Schattierungen schafft: halb- und ganzseitige Bilder von berührender Schönheit; Dorf, Felder, Wohnraum mit Katzen, Straßenzüge, Cafés und schließlich – sexuelle Obsessionen. Die weiße Ulli, der schwarze Kimata, ihre rosa Lippen, Schamlippen, der schwarze Schwanz. Schwarz und weiß, alles voller Schwänze, Klitoris, Explosionen der Orgasmen. Das ist schonungslos lustvoll gemalt und beschrieben. Es wird gevögelt, dass sich die Balken biegen und die Omas schimpfen. Aber die ménage à trois ist nicht von Dauer.

Ulli Lust Alter Ego ist eine zarte, wilde und suchende Frau, die vor allem sich selbst treu sein will –daran zweifeln lernt und ihre Liebhaber verzweifeln lässt. Wie glücklich kann eine Dreier-Beziehung sein, wenn einer der Beteiligten grundsätzlich anders über die Rollen von Mann und Frau denkt, wenn kulturelle Codes auch die Triebe steuern? Ulli fürchtet die zunehmend gewalttätigeren Wutausbrüche Kimatas und lässt sich von Georg trösten. Dieser sagt „Ich wünschte, wir könnten noch einmal neu anfangen! Seufz“ – in Ullis Denkblase steht auf rosarotem Hintergrund geschrieben: „Liebling, dein Penis ist mir zu klein.“…
Ulli Lusts zweites Werk ist ein hartes, aufrichtiges und unglaublich mutiges Buch, gibt minutiös erzählt und gezeichnet einen (weiteren) entscheidenden Abschnitt ihres Lebens wieder, ohne über eine einzelne Erfahrung hinausreichen zu wollen. Das stellt ihre Heldin in eine Reihe mit Protagonistinnen der Gegenwartsliteratur (z.B. Nadja in Anke Stellings „Fürsorge“), die selbstbewusst den brüchigen Mantel bürgerlicher Moral abstreifen, fordernd und stark ins Rampenlicht treten.

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Ulli Lust, Wie ich versuchte, ein guter Mensch zu sein, Graphik Novel, 367 Seiten, Suhrkamp Verlag, Berlin, September 2017,ISBN: 978-3-518-46813-5, Preise: 25,00 EUR (D), 25,70 EUR (A), 35,50 SFR

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