Als vor fast tausend Jahren die Wikinger in einer Invasion England besiegten – Serie: „Der Teppich von Bayeux“ zeigt in Stickerei lebendige Geschichte und Kriegskunst der Normannen (Teil 1/3)

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Frankfurt am Main (Weltexpress) - Wie schön, dass Geschichte nicht nur uns interessiert, wie schön, dass Geschichten aus der Geschichte in Form eines Teppichs zu den Hauptsehenswürdigkeiten der Normandie gehören, zu der die Touristen aus aller Welt anreisen, über 400 000 jährlich, davon über die Hälfte aus dem Angelsächsischen, nur zwanzig Prozent sind Franzosen! Geradezu herrschaftlich wird der Teppich, der zeigt, wie es zur Schlacht bei Hastings im Jahr 1066 kam und wie diese verlief, im palastartigen Centre Guillaume le Conquérant, den wir als Wilhelm den Eroberer kennen, mitten in der schönen alten Stadt Bayeux uns vor Augen geführt. Dieser siebzig Meter lange gestickte Wandteppich ist historisch so einzig wie künstlerisch hochwertig und geradezu generalstabsmäßig hat die Museumsleitung mit perfekter Organisation dafür gesorgt, dass die Tausende von Besuchern täglich in den wichtigsten Sprachen der Welt am Ohr in aller Ruhe die hochpolitischen wie tiefprivaten Szenen mit eigenen Augen betrachten und sich so selbst einen Reim darauf machen können, warum die Normandie Normandie heißt, was es mit den Normannen also auf sich hat und weshalb die Wikinger Kultstatus gewannen.

Wir kannten und bewunderten den Teppich nur aus der Literatur, kannten die schönen Vergrößerungen, die jedes gestickte Detail, geradezu jeden Stich vorführen, müssen aber nun angesichts dieser siebzig Meter, an denen wir im Dunkeln längs vorbeigehen– Stoff muss vor Licht geschützt werden –, bis es um die Ecke geht und sich die eigentliche Schlacht entfaltet, müssen also zugeben: der direkte Anblick ist unvergleichlich. Es läuft einem wirklich ein Schauer über die Haut, wenn man bedenkt, dass dieses Werk aus Stoff und Garn vor fast tausend Jahren entstanden ist, als Reflex auf die politischen Situation, die einen erfolgreich werden ließ, der eigentlich um sein vorgesehenes Erbe gebracht werden sollte, aber nicht aufgab und deshalb am Schluss siegte, während der Verräter den Kürzeren zog und auch noch im Kampf zu Tode kam. Ein Vorbild für jeden, auch für den heutigen Betrachter und gleichzeitig ein einzigartiges künstlerisches und historisches Denkmal. Weltkunst.

Im Dunkeln stehen nur wir Besucher, denn eine geschickte Lichtführung macht es möglich, dass wir auf dem Teppich jedes Detail erkennen, selbst aber im Dunkeln verbleiben, so daß wir uns vor der Stickerei fast alleine wähnen. Zu erst einmal die Überraschung, wie schmal dieser so lang gezogene Teppich in der Wirklichkeit ist. In den Proportionen – der Höhe von 50 Zentimetern, wobei da die obere und untere Bordüre mitzählen, die eigentliche Handlung also noch weniger Raum hat, und der Länge von siebzig Metern, die reduziert ist, denn man sieht dem heutigen Ende an, daß es abgeschnitten wurde, und es fehlt auch ein richtiger Schluß – also nicht mal ein Handtuch, sondern eher ein Gürtel. Und einen Teppich sehen wir auch nicht vor uns. Denn Teppich und Wandteppich, da denkt unsereiner an Gobelins, die gewebt die Wände umspannen. Hier jedoch haben wir eine echte Stickerei vor uns, wo mit Wollfäden auf einem hellen Untergrund – Flachsleinen – ein heller Streifen an der Wand hängt, wo jede Farbe Leben einhaucht und jeder Stich das Geschehen in Gang setzt.

Es gibt auf der Stickerei nicht nur 623 Menschlein, 202 Pferde, 55 Hunde, 505 weitere Tiere, unter ihnen die die wunderlichsten Vögel und Fabeltiere, 37 Gebäude, 41 Schiffe und Boote sowie 49 Bäume zu sehen. Kulturgeschichtlich viel bedeutsamer sind die Alltagsgegenständen wie Kleidung und Essen und die in den Gebärden sich abzeichnenden Sitten und Gebräuche sowie die Kriegsmaterialien. Darüber hinaus wird die Darstellung auch mit gestickten Worten zusammengefasst und interpretiert: auf Latein! Geschichtlich geht es um die Zeit von 1064 bis 1066 und die Szenen spielen in dem französischen Herzogtum Normandie, auf dem Wasser und auf der gegenüberliegenden Südküste Englands, wo Wilhelm der Eroberer am 14. Oktober 1066 über seinen Widersacher Harald siegte in der Schlacht bei Hastings, zu der die Engländer „Schlacht bei dem grauen Apfelbaum“ sagen. Fortsetzung folgt.

Der Teppich“ von Musée de la Tapisserie de Bayeux: Öffnungszeiten bis August von 9 Uhr bis 19 Uhr, bis 15. November bis 18.30 Uhr; 16. November bis 14.März 2011 von 9.30 bis 12.30 Uhr; von 14 bis 18 Uhr.

Ausstellung der Impressionisten in Honfleur: bis 6. September 2010. Weitere Impressionistenausstellungen im ganzen Land bis in den Herbst.

Katalog: Honfleur entre tradition et modernité. 1820-1900, íˆdition Societé des mais du musée Eugène Boudin 2010. Für die Katalogtexte, die in verschiedene Themen einführen wie: Der Salon der Impressionisten, Baudelaire und Boudin in Honfleur, Bilder der französischen Seefahrt, muß man schon Französisch können, aber die anderen Katalogteile nützen auch den nur Deutschsprechenden. Denn neben der Abbildung der Werke – ganzseitig und umfassen und dafür kauft man ja Kataloge – gibt es im hinteren Teil noch wichtige Hilfestellungen. Sucht man zum Beispiel einen Maler, wird in der Liste der ausgestellten Werke eine Namenliste präsentiert, wo man erst einmal über das fehlende ABC staunt, dann aber schnell versteht, wie sinnvoll das ist: es werden nämlich die Künstler der Reihenfolge ihrer Geburt nach gelistet, was einem eine gute Nachhilfe gibt. Innerhalb des Namens sind dann vorbildlich erst die Katalognummern angegeben, dann aber zusätzlich die Seite im Buch. Schon beim Blättern sieht man sofort, wer als Ausnahme in Honfleur war, und wer dort ständig zu Hause war und malte.

Info: Wir konnten den Teppich von Bayeux und die Ausstellungen des Impressionisten-Festivals mit sehr freundlicher Unterstützung der Französischen Bahnen SNCF durchführen. Zugfahren macht das Informieren leichter. Auf dem Hinweg waren das die Reiseliteratur und auf der Rückfahrt die diversen Kunstkataloge. Die schnelle Fahrt im ICE geht von Frankfurt nach Paris im Katzensprung, vier mal täglich möglich. Vom Gare de l`Est zum Bahnhof Saint Lazare wechseln, wo Sie in knapp zwei Stunden in Pont L`Eveque sind, einer besonders guten Ausgangsstation für die Normandie. Das ist keine reine Zugfahrt, sondern eine Besichtigungsfahrt der Normandie, von der man vor allem das tiefe satte Grün der Weiden und Wälder in Erinnerung behält. Einschließlich des friedlich weidenden Viehs. Entnehmen Sie die Ausstellungen in Bayeux und weitere Besichtungen sowie das darüber hinausführende Programm des gesamten Impressionisten-Festivals den Webseiten.

Internet:

www.tapisserie-bayeux.fr

www.bessin-normandie.com

www.normandie-impressionniste.fr

http://www.snfc.com

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